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Die Bundeswehr plant im Zuge des Projektes „Aufgabenorientierte Ausstattung“ die komplette Truppe mit Sprechsätzen mit Gehörschutzfunktion (SMG) auszustatten. Dies geht aus einer am 18. November veröffentlichten Ankündigung des Bundesamtes für Ausrüstung, Informationstechnik und Nutzung der Bundeswehr (BAAINBw) hervor, welches sowohl für die Beschaffung als auch für den Erhalt der Einsatzreife des Wehrmaterials in der Nutzungsphase verantwortlich ist. Im Zuge des Projektes Aufgabenorientierte Ausstattung soll die Truppe neben den SMG auch eine neue Kampfbekleidung, Schutzwesten und Gefechtshelme erhalten.

Sprechsatz mit Gehörschutzfunktion

Gemäß der Ankündigung befinden sich Sprechsätze seit Jahrzehnten in erheblicher Stückzahl in unterschiedlichsten Verwendungsgebieten in der Nutzung der Streitkräfte. Erst kürzlich wurde mit dem Unternehmen 3M ein erneuter Lieferauftrag für 8.000 solcher Systeme, vorgesehen für die VJTF 2023, geschlossen. Ursprünglich ausschließlich für Spezialkräfte beschafft, haben sich solche Systeme auch in anderen Truppenteilen bewährt und wurden beispielsweise im Rahmen des Systems Infanterist der Zukunft, in unterschiedlichen Bauarten – etwa als In-Ohr-Gehörschutz oder Kapselgehörschutz – eingeführt.

Aufgrund des sich ständig ändernden Anforderungsprofils sowie der technischen Neuerungen sieht es das BAAINBw als erforderlich an, die Systeme auf einem aktuellen und einsatzbereiten Stand zu halten und kündigt daher umfangreiche Regenerationsmaßnahmen an. Im Zuge dieser Maßnahmen soll die eingeführte Typenvielfalt reduziert bzw. vereinheitlicht und „mittel- bis langfristig möglichst ein technisch aktuelles, modulares Baukastensystem“ realisiert werden. Die unterschiedlichen Anforderungen, die der zukünftige Sprechsatz erfüllen soll, werden derzeit in Zusammenarbeit mit der Truppe erarbeitet.

Beschaffungsparameter

Das BAAINBw strebt beginnend ab 2023 eine jährliche Beschaffung von ca. 30.000 dieser Systeme inklusive Anschlusskabel und Sprechtaste (PTT) an. Der Gesamtbedarf wird mit einer Anzahl von 200.000 Systemen angegeben.

Es werde angestrebt, möglichst einen marktverfügbaren robusten Kapselgehörschützer mit aktiver Geräuschminderung und einem anpassbaren Mikrophon für Links- und Rechtsschützen oder ein vergleichbares System zu beschaffen, heißt es in der Ankündigung. Eine weitere Forderung sind werkzeuglos austauschbare Ohrpolster auf Nutzerebene und eine zwingende Kompatibilität mit einem noch zu bestimmenden Gefechtshelm. Daneben soll der Anschluss an ein Funkgerät oder eine Intercom-Anlage eines Fahrzeuges mittels einer PTT und einem entsprechenden Anschlusskabel gewährleistet werden.

Folgerungen

Das BAAINBw fordert potentielle Interessenten an einer künftigen Ausschreibung für SMGs mit Zubehör für die Bundeswehr auf, „sich auf das Beschaffungsvorhaben einzustellen und ggf. nötige produktionstechnische Fragestellungen auszuloten. Unter Umständen ist für die Erfüllung des großvolumigen Auftrags ein Unternehmenszusammenschluss unterschiedlicher Hersteller zielführend.“ Schlussendlich wird aber auch darauf hingewiesen, dass das Schreiben einen Planungsstand mit möglichen Änderungen abbildet und ausschließlich zur Vorabinformation dient. Somit kann diese Ankündigung „folglich nicht für die Begründung etwaiger Ansprüche gegenüber dem Bund herangezogen werden“.

Aus dieser Ankündigung lassen sich mehrere Folgerungen ableiten:

  • Der Hinweis auf mögliche Änderungen deutet darauf hin, dass das Projekt, wahrscheinlicher aber der Gesamtbeschaffungsumfang, einem Finanzierungsvorbehalt unterliegt. Da laut Brancheninsidern die Marktpreise für einen solchen Sprechsatz samt Anschlusskabel und PTT in einem vierstelligen Bereich liegen, wäre für eine Vollausstattung mit 200.000 Systemen ein Gesamtfinanzierungsvolumen von mindestens 200 Mio. Euro notwendig. Wohlgemerkt, dies nur, wenn jeder Soldat auch ein System mit Funkanbindung erhalten soll.
  • Die öffentliche und vor allem sehr frühe Ankündigung in Verbindung mit dem Hinweis der Projektleitung im BAAINBw, dass unter Umständen Unternehmenszusammenschlüsse zielführend sein können, gibt einen Hinweis darauf, dass der Gesamtbedarf einer möglichen Beschaffung selbst für etablierte Hersteller in diesem Bereich nicht ohne weiteres, vor allem aber nicht ohne Vorbereitung, alleine zu stemmen ist. Mit der Vorankündigung wollte man in diesem Fall wohl sichergehen, dass das Projekt in der Beschaffungsphase nicht an der „Plötzlichkeit“ der Ausschreibung scheitert. Eine Behauptung „man habe ja nichts davon gewusst“ ist in diesem Fall nicht mehr möglich. Dieser Kommunikationsweg, wenn er schlussendlich gelingt, könnte auch für andere Projekte der persönlichen Ausrüstung Schule machen.

Da die Ausstattung der Truppe mit moderner persönlicher Schutzausrüstung durch die Verteidigungsministerin mehrfach zur Priorität erklärt wurde, ist zu erwarten, dass sich diese persönlich für die Bereitstellung der dafür notwendigen Mittel in den derzeit laufenden Haushaltsverhandlungen einsetzen wird. „Dafür braucht unsere Bundeswehr das bestmögliche Gerät, die bestmögliche Ausrüstung, eine moderne persönliche Ausstattung. Das bleibt meine Priorität und daran arbeiten wir im kommenden Jahr mit aller Entschiedenheit“, sagte Annegret Kramp-Karrenbauer beispielsweise im Tagesbefehl zu Jahreswechsel von 2019 auf 2020. Sie wird sich unter anderem daran messen lassen müssen, ob ihr die Beschaffung der dafür notwendigen Haushaltsmittel gelingt.

Waldemar Geiger