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Das australische Verteidigungsministerium gab heute bekannt, dass es den Boeing AH-64E Apache Kampfhubschrauber beschaffen und damit ab 2025 seine Flotte an bewaffneten Aufklärungshubschraubern (Armed Reconnaissance Helicopter – ARH) des Typs Tiger von Airbus Helicopters ersetzen wird.

Im Projekt werden 29 in den USA produzierte Maschinen des Typs AH-64E Apache von Boeing sowie nicht weiter spezifizierte Unterstützungsleistungen beschafft. Australischen Medien zufolge soll der Kaufpreis 4,5 Milliarden australische Dollar betragen, was ca. 2,88 Milliarden Euro entsprechen würde. Von diesen 29 Hubschraubern sollen 24 an einem Standort (vermutlich: 1 Aviation Brigade in Darwin) stationiert werden, die weiteren fünf sollen für Schulungen (vermutlich: Oakey in Queensland) genutzt werden.

Der Zeitplan für das Programm sieht eine anfängliche Einsatzbereitschaft (Initial Operating Capability, IOC) eines Geschwaders mit zwölf Luftfahrzeugen bis 2026 vor, die volle Einsatzbereitschaft (Full Operational Capability, FOC) soll dann 2028 erreicht werden.

Zu beachten ist, dass die Begrifflichkeiten IOC und FOC sich im englischen Sprachgebrauch nicht auf die Einsatzbereitschaft der Maschinen, sondern des Systems (fliegende Einheit und Maschine) beziehen. Mit der Einführung von NH90 und Tiger und den einhergehenden Problemen bezog sich die Verwendung in Europa auf die reinen Fähigkeiten des Luftfahrzeuges. Erst bei FOC hatte der Flieger seine vollen und vertraglich vereinbarten Fähigkeiten. In den amerikanischen, britischen oder australischen Streitkräften hat der Hubschrauber auch bei IOC schon seine kompletten Fähigkeiten, jedoch ist die reine Stückzahl noch nicht ausreichend. Bei FOC sind dann alle Maschinen vorhanden und die volle Einsatzbereitschaft hergestellt. Bislang hatte Australien 22 ARH Tiger betrieben.

Das eingeschränkte Fähigkeitsprofil war auch seit Anbeginn einer der Hauptkritikpunkte der Australier am Tiger. Dem Vernehmen nach wurden die Fähigkeitslücken zu schleppend behoben, so dass eine Weiterentwicklung des Systems nicht durchgeführt werden konnte.

Auswahlbegründung

Das Verteidigungsministerium begründete die Auswahl des Apache wie folgt: „Der Apache Guardian ist die leistungsfähigste, überlebensfähigste und risikoärmste Option, die alle Anforderungen des Verteidigungsministeriums in Bezug auf Fähigkeiten, Lebenszeitunterhalt, Sicherheit und Zertifizierung erfüllt. Durch den Einsatz eines bewährten und risikoarmen Systems, wie es der Apache bietet, vermeidet das Verteidigungsministerium das laufende Kosten- und Terminrisiko, das typischerweise mit Entwicklungsplattformen verbunden ist.“ Damit zieht man die Lehren aus den Problemen mit dem ARH Tiger und anderen Drehflügler-Projekten. Es wurde Wert daraufgelegt, ein bewährtes, ausgereiftes ARH-Ersatzsystem zu suchen, also ein Military-of-the-shelf (MOTS). Außerdem wird das Projekt gemäß einer Aussage der Verteidigungsministerin Linda Reynolds „die Vision der Regierung verwirklichen, die Beteiligung der australischen Industrie an den Verteidigungsfähigkeiten zu maximieren.“ Weiterhin verwies sie darauf, dass der ausgewählte AH-64E Apache Guardian mit verbesserten Sensoren, Kommunikationseinrichtungen, Angriffsfähigkeiten und verbesserter Überlebensfähigkeit ausgestattet ist. „Diese neue ARH-Fähigkeit wird Australiens bewaffnete Aufklärungsstreitkräfte stärken, um unser strategisches Umfeld besser zu gestalten und Aktionen gegen unsere nationalen Interessen abzuschrecken“, so die Ministerin.

Zuvor hatte das Verteidigungsministerium eine Reihe von Hubschraubern anhand der Schlüsselkriterien an Fähigkeiten, Reife und ein serienmäßiges Betriebssystem geprüft. Am 1. Juli 2019 hat die australische Regierung durch die Veröffentlichung eines „Request for Information“ (RfI) mit der Suche nach einem neuen bewaffneten Kampfhubschrauber begonnen, der die ARH Tiger-Flotte ersetzen soll. Das RfI musste bis zum 30. August 2019 beantwortet werden. Neben dem Boeing AH-64E Apache Kampfhubschrauber kamen auch die Modelle Bell AH-1Z Viper sowie Airbus Helicopters Tiger Mk3 in Frage. Die AH-1Z Viper ist eine Variante der seit Jahren betriebenen AH-1 Cobra und beim U.S. Marine Corps sowie weiteren internationalen Kunden im Einsatz.

Als Fähigkeiten an das neue System wurden u.a. die Bekämpfung von Land-, Überwasser- und Luftzielen mit kinetischen als auch nicht kinetischen Waffen gefordert. Weiterhin wurden eine schnelle Verlegbarkeit per Luft- oder Seetransport, die Befähigung zum Manned-Unmanned-Teaming (MUM-T) sowie ein amphibischer Betrieb, genannt.

Amphibisch bedeutet, der Hubschrauber muss auch über längere Zeit von amphibischen Angriffsschiffen (HMAS Adelaide & HMAS Canberra) aus operieren können. Es wurde speziell nach Funktionen gefragt, mit denen der Hubschrauber an Bord eines Schiffes betrieben und gewartet werden kann, sowie nach Konstruktionsmerkmalen, die die Unterstützung von amphibischen Operationen ermöglichen. Gerade deswegen hatten viele mit einer Auswahl des AH-1Z Viper gerechnet.

André Forkert