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MBDA Deutschland sowie die beiden 100-Prozent-Töchter TDW und Bayern Chemie haben heute im Zuge eines virtuell abgehaltenen Fachpressebriefings über neue Industriekooperationen sowie den Einsatz neuer Technologien für Projekte wie FCAS, Raketenartillerie, Luftverteidigung, Raumfahrt und Wirksysteme informiert.

Unter anderem wurden Details über die Joint Fire Support-Missile (JFS-M) sowie Lenkflugkörper Enforcer bekanntgegeben.

JFS-M

MBDA teilte mit, dass gestern mit Krauss-Maffei Wegmann (KMW) ein Memorandum of Understanding (MoU) zur Zusammenarbeit im Rahmen des zukünftigen „System Indirektes Feuer“ der Bundeswehr unterzeichnet wurde. Mit „weiteren Partnern sei man im Gespräch“, sagte Guido Brendler, Leiter Vertrieb und Marketing bei MBDA Deutschland.

Ziel der Kooperation ist MBDA zufolge „die Entwicklung und Implementierung von Lenkflugkörpern mit großer Reichweite für Artillerie-Systeme der Bundeswehr.“ Dabei will man auf bereits in der Bundeswehr genutzte Systemplattformen wie MARS II/MLRS und existierende Command & Control (C2) -Führungssysteme zurückgreifen. „MBDA und KMW sehen dieses MoU als Startpunkt, um gemeinsam die Zukunft der deutschen Artillerie mitzugestalten. Die Zusammenarbeit mit weiteren Unternehmen, die ihre Expertise einbringen wollen, ist ausdrücklich erwünscht“, so die Unternehmen in einer gemeinsamen Presseerklärung.

Funktionsprinzip der JFS-M anhand einer beispielhaften Mission. (Video: MBDA, KMW und ESG)

Mit der Joint Fire Support-Missile hat MBDA erst vor kurzem ein Konzept vorgestellt, welches sowohl die Forderungen des Heeres nach einem modernen Wirkmittel großer Reichweite erfüllt, wie auch den Joint-Gedanken der Streitkräfte konsequent weiterführt.

Durch den Einsatz der JFS-M in Verbindung mit Artillerie-Systemen sollen die Streitkräfte in der Lage versetzt werden, auf Entfernung bis 499 Kilometern eine präzise Wirkung erzielen zu können. „MBDA und KMW verfügen über Know-how und langjährige Erfahrung in den Bereichen Abstandswaffen und Systemplattformen (MARS II/MLRS)“, so die Unternehmen. Bei der Konzeption der JFS-M wird sowohl auf erprobte Systeme und Teilsysteme als auch auf neue Technologien zurückgegriffen. Nach Angaben von MBDA sind von der Bundeswehr genutzte Komponenten im Rahmen der Konzeption berücksichtigt. „Zusätzlich kommen modernste Technologien, wie störungssichere GPS-Navigation, 3D-Flugplanung und bildgestützte Navigationssensorik zum Einsatz. Die Zielbekämpfung wird durch Künstliche Intelligenz für die automatische Zielerkennung und -identifikation (Automated Target Recognition and Identification) unterstützt“, so die Unternehmen.

Nach Angaben eines KMW-Vertreters während der Präsentation, hätten Untersuchungen gezeigt, dass sich als Trägerplattformen grundsätzlich sowohl das in der Bundeswehr genutzte Raketenartilleriesystem MARS II als auch andere Ketten- oder Radfahrzeuge, wie bspw. der Boxer oder ein IVECO LKW mit geschützter Kabine, eignen würden. Bis zu drei JFS-M können dabei in einem standardisierten Rocket Pod Container untergebracht werden. Da der MARS zwei solcher Pods aufnimmt, kann eine Mischbewaffnung des Systems – drei JFS-M und beispielsweise sechs GMLRS-Raketen – als Kampfbeladung aufmunitioniert werden.

Für eine Realisierung des für die Artillerie neuartigen Wirkmittels wäre im nächsten Schritt eine Beauftragung der Bundeswehr notwendig. Nach Angaben des Unternehmens wäre eine Einsatzfähigkeit der JFS-M „wenige Jahre nach Vertragsschluss“ realistisch.

Enforcer

Auch in das Innenleben des Enforcers gab es einige interessante Einblicke. Neben dem Hinweis auf die kürzlich stattgefundenen ersten Schussversuche der Bundeswehr, S&T berichtete, hat Wolfgang Rieck, Geschäftsführer der Bayern-Chemie GmbH, näher zu den Herausforderungen bei der Entwicklung des Waffensystems vorgetragen.

Spezialisten des Bundesamtes für Ausrüstung, Informationstechnik und Nutzung der Bundeswehr (BAAINBw) und der Wehrtechnischen Dienststelle 91 (Meppen) sowie Mitarbeiter von MBDA Deutschland haben im Januar 2021 Testschüsse mit dem Leichten Wirkmittel 1800+, so der Bundeswehrname für den Enforcer, durchgeführt. (Video: Bundeswehr)

Nach Aussage von Rieck, dessen Unternehmen für den Antrieb des Enforcers verantwortlich zeichnet, waren insbesondere die beiden Forderungen der Bundeswehr nach einem geringen Gewicht und einem niedrigen Preis herausfordernd. Da ein Lenkflugkörper praktisch nur aus den beiden Baugruppen Gefechtskopf und Antrieb besteht, musste in allen Bereichen auf möglichst leichte Komponenten und Bauweisen zurückgegriffen werden –  die Obergrenze lag bei sieben Kilogramm.

Ungefähr zwei Drittel des Gewichtes setzen sich dabei aus Antrieb bzw. Antriebsmasse zusammen. Der Antrieb besteht aus zwei Motoren unterschiedlicher Art, einem so genannten Ausstoßmotor und dem Marschtriebwerk. Die Lösung beider Herausforderungen konnte nach Angaben von Rieck mittels Rückgriff auf das Laserschweißen erreicht werden. Dazu hat Bayern Chemie in eine Laser-Schweiß-Anlage investiert, welche sich gerade in der Qualifizierungsphase befindet. Das Besondere an der Anlage ist die Fähigkeit, auch Explosivstoffe zu schweißen. Damit ist Bayern Chemie nach Angaben von Riecks in der Lage, das gesamte Antriebssystem zusammenzuschweißen, während sich der Treibstoff bereits im Flugkörper befindet.

Waldemar Geiger