StartMobilitätMobilitätslösungen für leichte und Spezialkräfte – Interview mit Sebastian Schaubeck

Mobilitätslösungen für leichte und Spezialkräfte – Interview mit Sebastian Schaubeck

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Die ACS Armoured Car Systems GmbH aus dem bayrischen Friedberg ist vor allem bekannt durch ihre ENOK-Familie. Zudem wurde zuletzt ein Elektro-Motorrad für Spezialkräfte sowie der Gesamtsystemdemonstrator Luftbeweglicher Waffenträger (LuWa) vorgestellt. Soldat & Technik sprach mit Sebastian Schaubeck, Geschäftsführer von ACS über die Lage und Produktpalette des Unternehmens sowie die „Kriegstauglichkeit“ von E-Mobilität.

S&T: Sehr geehrter Herr Schaubeck, Sie sind seit Januar 2021 neuer Geschäftsführer der ACS. Die ACS hat sich in der letzten Zeit neu aufgestellt und mit Ihnen einen militär-fremden Geschäftsführer bestellt?

Schaubeck: Ja, die ACS hat sich in der letzten Zeit neu aufgestellt. Nachdem die letzten ENOKs der Bundeswehr 2018 zugeflossen sind, musste sich die ACS neu aufstellen. Ich bin 2019 dazu gestoßen und gemeinsam mit Tanja Paeske sowie Ulrich Belwe haben wir die Firma neu ausgerichtet. Wir kümmern uns sehr fokussiert um ballistischen Schutz bis STANAG Level 2, Einsatzfahrzeuge und Systemintegration. Dabei haben wir die operativen Schwerpunkte auf dem militärischen Projektmanagement, Entwicklung und Konstruktion, Schweißen sowie Montage gelegt.

Ganz militär-fremd bin ich nicht. Aber Sie haben Recht, ich war kein Zeit- oder Berufssoldat. Ich habe meinen freiwilligen Wehrdienst 2001 bei der Division Spezielle Operationen (DSO) in Regensburg in einer Einsatzkompanie gemacht. Danach bin ich ins zivile Leben zum Studieren gegangen und habe nun den Weg zurückgefunden. Ich arbeite jeden Tag sehr gerne mit meiner ACS Truppe für unsere militärischen Kunden.

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Der ENOK 7.5 mit einer Doppelkabine und Flatbed. (Foto: ACS)

S&T: Die ACS bietet den ENOK mittlerweile als Familie in verschiedenen Gewichtsklassen – 5.4, 6.1, 9.5 sowie 14.5 – und zuletzt in einer Airborne-Version an. Zudem arbeiten Sie zusammen mit der IABG am LuWa-Demonstrator. Wie würden Sie das Gesamtportfolio der Firma beschreiben?

Schaubeck: Die Anforderungen der Militärs werden immer individueller und ändern sich auch. Was heute präferiert ist, kann morgen schon wieder verworfen sein. Daher haben wir uns deutlich breiter aufgestellt. So können wir den Kunden sehr flexibel, preiswert und nachhaltig verschiedene Fahrzeugkonzepte/-klassen anbieten. Dabei greifen wir immer auf bewährte Chassis oder Antriebsstränge zu. Wir sind überzeugt, dass man als kleine Firma nicht ganze Chassis oder Antriebsstränge nachhaltig entwickeln, betreiben und servicieren kann. Wir sprechen von Investments im dreistelligen Millionenbereich. Seitens der Militärs sehen wir auch keinen Trend Anforderungen oder Nachweisführungen zu reduzieren.

Zu den oben genannten Fahrzeugklassen werden wir noch einen ENOK 3.5 ergänzen. Wir möchten den „leichten Kräften“ ein möglichst breites Portfolio anbieten. Daher haben wir auch unser eBike EMU und ePedelec KIWI präsentiert.

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Der ENOK 9.5 und 14.5 sehen von außen identisch aus. Hier der 9.5 bei der Präsentation im September 2021. (Foto: André Forkert)

S&T: Die ENOK-Familie basiert ausschließlich auf Mercedes-Benz Fahrgestellen, warum arbeiten Sie exklusiv mit diesem Partner zusammen?

Schaubeck: Wir haben keine exklusiven Vereinbarungen. Dies passt nicht zu unserem Ansatz dem Kunden möglichst flexibel das passendste Produkt anzubieten.

Mit Mercedes haben wir als ACS fast 20 Jahre gemeinsame Historie, unsere Muttergesellschaft über 40 Jahre. Die Häuser verbindet viele gemeinsame und erfolgreiche Projekte. Wir sind von den Mercedes Fahrgestellen überzeugt. Ich kenne keinen anderen OEM, mit dem wir von 3.5t bis 14.5 zusammenarbeiten können. Wenn man an den Chassis etwas optimieren kann, dann besprechen wir das mit Mercedes und wir entscheiden von Business Case zu Business Case, ob und was ACS oder Mercedes anpasst.

Wir ruhen uns nicht auf der Historie aus und entwickeln eigene ACS Fahrzeuge und innovative Aufbauten. Unser modularer Fahrzeugaufbau des ENOK Airborne (AB) kann z.B. nach oben und unten skaliert werden. Es wird weitere Spezialkräfte-Varianten von ACS geben. Unsere Aufbauten passen sehr gut zu Mercedes, aber auch zu anderen Herstellern. Hier finden auch immer wieder Gespräche statt.

S&T: Zuletzt haben Sie mit dem EMU E-Bike auch ein Zweirad angeboten. Kommt in diesem Bereich noch mehr von ACS?

Schaubeck: Uns interessiert alles, was rund um „leichte Kräfte“ passiert. Mit dem EMU und KIWI haben wir leichte und robuste Zweiräder. Wir schauen auch auf leichte Vierräder, wie Quads oder Side by Sides. Da haben wir viele Ideen und führen Gespräche. Aber da ist noch nichts spruchreif. Wir sind uns auch noch nicht sicher, wohin beim Militär die Reise geht.

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Das E-Bike „EMU“ und bietet eine Nutzlast von 125 kg, bei einem Eigengewicht von rund 80 kg. Mit einer entsprechenden Halterung kann die Maschine am Heck eines 4×4 Patrouillenfahrzeug mitgeführt werden. ACS bietet eine entsprechende Heckklappen-Aufnahme für den ENOK. (Foto: ACS)

S&T: Bleiben wir gleich bei dem E-Bike, welche Rolle wird in Zukunft die E-Mobilität bei den Gefechtsfahrzeugen wie dem ENOK spielen?

Schaubeck: Als Hersteller des LuWa haben wir sehr viel Erfahrung rund um Hybrid- und Elektromobilität sammeln können. Diese Techniken haben schon sehr viele Vorteile. Dank der Software kann man sehr viele Dinge, sehr individuell umsetzen. Das hohe Drehmoment der Elektromotoren ist schon eine tolle Sache. Damit gelingt der Sprung aus der Deckung sehr gut.

Aber kein Vor- ohne Nachteil. Die Kühlung ist sehr aufwendig, die Komponenten haben alle viel Gewicht und am Ende muss alles kriegstauglich sein. Von der „Kriegstauglichkeit“ sind wir meiner Meinung nach noch weit entfernt. Die elektromagnetische Abschirmung wird ein großes Thema werden.

Wir hatten beim LuWa Probleme Komponenten zu beziehen. Viele Firmen, die sich Nachhaltigkeit auf die Fahne geschrieben haben, haben ein Problem mit dem Militär. Ohne den zivilen Sektor fehlen meiner Meinung nach die Skalierungseffekte für diese neuen Technologien. Bei geringen militärischen Stückzahlen resultieren dann sehr hohe Preise und das Projektrisiko steigt.

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Der ENOK Airborne (AB). Erstkunde sind die Spezialkräfte in Tschechien. (Foto: ACS)

S&T: Anfang Oktober wurde der ENOK Airborne (AB) erstmalig präsentiert und auch bereits nach Tschechien verkauft. Was unterscheidet dieses neue Fahrzeug vom Rest der ENOK-Familie?

Schaubeck: Der ENOK AB ist zu 100% dem Modularitätsgedanken unterworfen. Das hat wesentliche Vorteile. Zum einen kann der Nutzer sehr einfach und modular das Fahrzeug z.B. im Einsatz für die Mission anpassen und warten. Aus einem Hundetransporter kann er ein Fighting Vehicle bauen oder er kannibalisiert Fahrzeuge, da alle Fahrzeuge nach den gleichen Prinzipien aufgebaut sind.

Für den Beschaffer ist es ebenfalls von Vorteil. Wir sind überzeugt, dass sich die Innovationszyklen verkürzen bzw. die Einsatzszenarien/-anforderungen entlang des CPM-Prozesses ändern. Wenn das Fahrzeug modular ist, dann kann mit überschaubaren Mitteln auf die geänderte Lage reagiert werden.

Letztlich hat es noch einen Vorteil für den Steuerzahler. Der Aufbau ist sehr preiswert und kann sehr einfach und prozesssicher skaliert werden. Ein Prototyp kann sehr schnell aufgebaut oder eine Großserie produziert werden.

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Mit dem Gesamtdemonstrator des Luftbeweglichen Waffenträger (LuWa) sollen neue Technologien erprobt und evaluiert werden. Der LuWa soll den Waffenträger WIESEL ablösen. (Foto: IABG)

S&T: Der LuWa-Demonstrator durchläuft gerade die ersten Tests und wird bald an den Nutzer übergeben. Wie ist der Sachstand und können Sie schon über erste Erkenntnisse der Erprobung sprechen?

Schaubeck: Der LuWa ist für uns ein besonderes Projekt, auf das wir sehr stolz sind. Gemeinsam mit dem BAAINBw, der IABG, der FFG und VALHALLA hat sich ein sehr schlagkräftiges Team gefunden, welches nach sieben Monaten Konzeptionierung und zehn Monaten Bauzeit ein Fahrzeug hingestellt hat, welches sehr zuverlässig fährt und schießt. Und das alles trotz COVID und der vielen Innovationen, die eingeflossen sind.

Ich denke schon, dass man per heute bereits einiges ableiten kann. Diese Aufgabe hat die IABG. Was ich sagen kann ist, dass das Fahrzeug erstaunlich gut sowie zuverlässig fährt und schießt. Wir haben den Demonstrator aber bewusst noch nicht an die Grenzen gebracht. In den kommenden Wochen und Monaten steht hoffentlich ausreichend Zeit und Budget zur Verfügung, dass das Fahrzeug auf Herz und Nieren geprüft wird. Damit meine ich insbesondere die risikobehafteten Technologien wie das Fahrwerk, Batterie, Hybridantrieb, 27 mm Kanone usw.

Wir sind gespannt, welche Lösungsvorschläge das Amt erarbeiten wird. Wählt man entweder einen sehr innovativen und dadurch ggf. risikobehafteten und ggf. teureren Weg, oder verzichtet man bewusst auf das ein oder andere zu Gunsten von mehr Robustheit und einem geringeren Preis.

S&T: Zum Schluss noch ein Blick in die Zukunft. Welche Lösungen können wir mittel- bis langfristig aus dem Hause ACS erwarten?

Schaubeck: Die vorher genannte Fahrzeugpalette von aktuell 3.5t bis 14.5t zulässiges Gesamtgewicht wird uns in Zukunft ausreichend mit Aufgaben versorgen. Die „leichten Kräfte“ warten mit vielen Herausforderungen auf uns. Auch die Drohnenabwehr, die Short Range Air-Defence (SHORAD) oder Loitering Munition schauen wir uns mehr und mehr an. Hier sehen wir unsere Rolle aber rein als Hersteller von Trägerfahrzeugen.

Die Fragen stellte André Forkert.