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Das niederländische Verteidigungsministerium hat den im Oktober 2018 geschlossenen Vertrag über die Lieferung von 515 12kN-Luftlandefahrzeugen mit Mercedes-Benz annulliert und beabsichtigt nun, sich dem deutschen Luftlandeplattform-Beschaffungsprogramm anzuschließen, wie das niederländische Verteidigungsministerium gestern bekannt gegeben hat.

Beide Parteien hatten im Oktober 2018 vereinbart, dass der Automobilhersteller 515 Fahrzeuge speziell für die 11 Air Mobile Brigade (11 LMB) – die der deutschen Division Schnelle Kräfte unterstellt ist – liefern soll. Wie aus der Mitteilung des Ministeriums hervorgeht, ist Mercedes-Benz jedoch nicht in der Lage, den Vertrag zu erfüllen, was zur Auflösung des Vertrages geführt hat.

Das Projekt war bereits in Verzug geraten. Dem Vertrag zufolge sollte Mercedes-Benz Fahrzeuge entwickeln, die sowohl in als auch als Außenlast mit der CH-47 Chinook transportiert werden können. Insgesamt sollte es drei Grundmodelle geben mit mehreren Rüstsätzen. Außerdem sollten die Fahrzeuge eine hohe Nutzlast bieten und zum Teil auch geschützt sein. Nach Aussagen der Regierung in Den Haag waren diese Fähigkeitsanforderungen und deren Kombination zu komplex und für den Anbieter nicht umsetzbar.

Beide Parteien hatten kürzlich über eine Lösung diskutiert. Dies war jedoch im Rahmen der getroffenen finanziellen Vereinbarungen nicht möglich. „Im vergangenen Monat bot das Verteidigungsministerium Mercedes-Benz eine letzte Chance zu bestätigen, dass das Unternehmen die Fahrzeuge gemäß den Anforderungen und dem vereinbarten Preis liefern würde. Die geforderte Bestätigung wurde jedoch nicht erteilt. Das Abkommen ist daher aufgelöst worden“, heißt es in der Mitteilung.

Bei dem 12kN-Luftlandefahrzeuge hätte es sich um das Air Assault Vehicle (MB AASLT) auf Basis der Mercedes-Benz-Baureihe G-Klasse mit einer Nutzlast von 12 kN (1,2 Tonnen) gehandelt. Das MB AASLT wird von einem 300 CDI-Motor angetrieben, der dem Vernehmen nach rund 184 kW leistet und alle vier Räder über ein Automatik-Getriebe antreibt. Das MB AASLT konnte sich während der Ausschreibung unter anderem gegen den VECTOR (Defenture) und Fox RVV (Jankel) durchsetzen. Interessant ist in diesem Zusammenhang, dass sich die niederländischen Streitkräfte gegen das Produkt (VECTOR) aus dem eigenen Land entschieden. Dem Vernehmen nach lag dies unter anderem am deutlich höheren Preis.

Von den 515 georderten Air Assault Vehicles sollen 329 Fahrzeuge in der Version Fighting Vehicle (FV), 144 als Logistikfahrzeug (LOG) und 42 als Sanitätsvariante (CAST) beschafft werden. Die Fahrzeuge sind alle für den Lufttransport ausgelegt und können auch als Außenlast von Hubschraubern  transportiert werden. Für den Transport als Innenlast in einem niederländischen Transporthubschrauber vom Typ CH 47 Chinook kann jedoch nur die FV-Version (Höhe < 1,85 m) vorbereitet werden. Zu diesem Zweck wird die Drehringlafette nach hinten weggeklappt. Aufgrund der Fahrzeuglänge von 5,1 m kann auch nur ein Fahrzeug in einem Hubschrauber transportiert werden. Die beiden anderen Versionen verfügen über höhere Chassis-Aufbauten (LOG = 2,075 m und CAST = 2,3 m) und passen daher nicht in den Innenraum einer Chinook oder einer CH-53K.

Das Fighting Vehicle ist als offene Variante ausgelegt. Die CAST-Version wird als Hardtop und die LOG-Version als Softtop ausgelegt. Dem Vernehmen nach soll für alle drei Versionen auch ein modulares Schutzpaket beschafft werden.

Neue Lösung

Da die niederländische Luftlandebrigade weiter einen nachweislichen Bedarf für neue Fahrzeuge hat, die ihrem operativen Bedarf entsprechen, nehmen die Niederlande eigenen Angaben zufolge Gespräche mit Deutschland auf, um sich dem Bundeswehrprogramm Luftlandeplattform anzuschließen. Dies soll unter anderem die Interoperabilität stärken. Da die Luftlandeplattform aber noch einige Jahre auf sich warten lassen wird, sollen die niederländischen Fallschirmjäger in der Zwischenzeit eine Zwischenlösung erhalten. „Das Verteidigungsministerium prüft die Möglichkeiten hierfür und wird bis Ende des Jahres mehr Klarheit über eine Zwischenlösung schaffen“, heißt es in der Mitteilung weiter.

Die Bundeswehr plant, die Fahrzeuge der Division Schnelle Kräfte zu modernisieren. Beobachtern des Vorhabens zufolge wird 2023 mit einer Ausschreibung der Luftlandeplattform gerechnet. Die Fahrzeuge könnten dann ab 2027 der Truppe zulaufen. Die deutschen Streitkräfte planen dabei den Fahrzeugpark der Luftlandetruppe zu vereinheitlichen. Die neue, einheitliche Luftlandeplattform soll neben den unterschiedlichen Varianten des Mungo auch die Wiesel-2-Flotte ablösen. Geplant sind zehn unterschiedliche Rüstsätze. Die Fahrzeuge sollen darüber hinaus mittels eines Lastenabsetzsystems aus Transportflugzeugen abgesetzt werden können.

Auch die Bundeswehr benötigt dringend Ersatz für die in die Jahre gekommenen Luftlande-Wölfe. Daher hat diese zuletzt geprüft, ob sie als Übergangslösung nicht der niederländischen Beschaffung beitreten kann, um zumindest einen Teil der Luftlande-Wölfe zu ersetzen, S&T berichtete. Dies scheint mit der Vertragsauflösung nun auch hinfällig zu sein.

André Forkert