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Bauprojekte in Deutschland sind im Allgemeinen herausfordernd, speziell wenn es um den Bau von Schießanlagen geht. Richtig spannend wird die Angelegenheit, wenn eine solche Anlage mitten in einer Großstadt – in Deutschland zählen Städte ab 100.000 Einwohner dazu – entsteht. Denn in diesem Fall müssen nicht nur die Tücken des Baurechts bezwungen, sondern auch extreme Sicherheitsanforderungen und Emissionsschutzauflagen hinsichtlich Lärm und Belüftung beachtet werden.

Mit dem Ende vergangenen Jahres im hessischen Offenbach in Betrieb genommenen Messer Schieß- und Trainingszentrum (MSTZ) hat Thomas Messer, Bauherr und Geschäftsführer der MSTZ GmbH, nicht nur nachgewiesen, dass ein solches Projekt theoretisch möglich ist, sondern auch vergleichsweise schnell und ohne exorbitante Kostensteigerungen umgesetzt werden kann – und das mitten in der Corona-Pandemie und vor dem Hintergrund der lokalen Kostenstruktur. Denn Offenbach gehört zur Metropolregion Frankfurt, die für hohe Baulandpreise und hohe Gehälter steht.

Seit wenigen Wochen steht die Anlage Sicherheitsbehörden und Streitkräften für Ausbildungszwecke zur Verfügung. In naher Zukunft soll auch eine zivile Nutzung des Zentrums möglich sein, sollten freie Kapazitäten vorhanden sein. S&T hatte die Möglichkeit, die Liegenschaft Anfang Januar zu besuchen und mit Thomas Messer über die Trainingsinfrastruktur des MSTZ sowie die wichtigsten Erfolgsfaktoren eines solchen Bauprojektes zu reden.

Begünstigt wird das Vorhaben durch neue Einsatzkonzepte der Polizei in Deutschland. So steigt mit der sukzessiven Umrüstung der deutschen Sicherheitsbehörden von Maschinenpistolen auf so genannte Mitteldistanzwaffen auch der Bedarf für Trainingseinrichtungen, in denen diese Waffen zu Ausbildungs- und Übungszwecken geschossen werden können. Als Mitteldistanzwaffen werden halbautomatische Sturmgewehre der Behörden in militärischen Kalibern bezeichnet.

Insbesondere die Terrorlagen des vergangenen Jahrzehnts haben gezeigt, dass schwer bewaffnete Täter auch in Mitteleuropa maximalen Schaden anrichten wollen. Mit den Mitteldistanzwaffen soll mindestens eine Waffenparität der Beamten mit Terroristen erreicht werden. Da militärische Kaliber jedoch deutlich mehr Abgase und kinetische Energie produzieren, können diese nur eingeschränkt auf den polizeilichen Schießständen genutzt werden. Daher greifen Landes- und Bundesbehörden deutschlandweit auf zivil betriebene Ausbildungsinfrastruktur zurück. Auch vereinzelte Bundeswehrverbände wie die Spezialkräfte nutzten solche Optionen, um Kapazitätsspitzen abzufedern oder die Schießausbildung für die Soldaten in unbekannter Umgebung zu ermöglichen. Der Auslastungsgrad der wenigen deutschen Schießausbildungszentren ist dementsprechend groß. Mit zunehmender Verwendung der Mitteldistanzwaffen dürfte auch die Nachfrage nach Trainingskapazitäten zunehmen. Wenn einmal gebaut, kann eine solche Anlage deshalb mit recht geringem wirtschaftlichem Risiko betrieben werden.

Im ersten Obergeschoss befindet sich neben verschiedenen Funktionsräumen die 50-Meter-Raumschießanlage. Auf 14,5 Metern Breite können bis zu zehn Schützen gleichzeitig beübt werden. (Foto: Waldemar Geiger)

Damit dies gelingt, muss eine Anlage jedoch erstmal in Nutzung gehen. Hier zeigt das Beispiel der Hallenschießanlage in der Fallschirmjäger-Kaserne in Seedorf, dass dies nicht nur teuer sein, sondern auch lange dauern kann. Bereits im Dezember 2020 wurden 18 Millionen Euro freigegeben, damit der Bund dort eine Hallenschießanlage mit zwei Schießbahnen von 25 und 60 Metern Länge bauen kann. Die Übergabe an den Nutzer ist allerdings erst für 2024 geplant. Trotzdem ein ambitioniertes Projekt, wenn man bedenkt, dass alleine der Bau der Truppenküche in der gleichen Kaserne über zehn Jahre gedauert hat. Das MSTZ hat ähnliche Ausmaße wie die künftige Seedorfer Schießanlage, wurde aber deutlich zügiger und kostengünstiger realisiert.

Die Besonderheit der 50-m-Raumschießanlage ist der 180-Grad-Schießbereich ab einer vorgehtiefe von zwölf Metern. (Foto: Waldemar Geiger)

Die Planung zur Genehmigung des MSTZ reichte der Bauherr 2018 ein, worauf im Januar 2020 die Baugenehmigung erteilt wurde. Im März 2020 erfolgte dann der Baubeginn, bereits 19 Monate später wurden die Kernelemente des Bauobjektes abgenommen und es konnte mit der Schießausbildung begonnen werden. Derzeit werden lediglich letzte Baumaßnahmen an den Betreuungseinrichtungen im Innenbereich und der Parkfläche für rund 150 Fahrzeuge im Außenbereich umgesetzt.

Das MSTZ

Mit rund 3.500 m² Fläche verfügt das MSTZ über ausreichend Ausbildungsinfrastruktur für eine moderne Ausbildung von militärischen und polizeilichen Spezialkräften. Neben den zwei Indoor-Schießhallen für den scharfen Schuss gibt es mehrere Seminarräume und eine etwa 600 m² große CQB-Anlage, in der realitätsnahe Close-Quarters-Battle-Szenarien mit Force on Force Trainingsmunition (spezielle Farbmarkierungsmunition für Nahdistanzen) dargestellt werden können. Dabei kann auch ein Breachertraining – also das Schaffen von Zugängen – realisiert werden.

Das MSTZ-Hauptgebäude ist im Grunde ein monolithisches Stahlbetonbauwerk auf Stelzen, so dass das „Erdgeschoss“ als Parkfläche genutzt werden kann. Darüber hinaus sind in dem Gebäude gesicherte Lagerräume für Munition und Waffen vorhanden.

Im ersten Obergeschoss befindet sich neben verschiedenen Funktionsräumen die 50-Meter-Raumschießanlage. Auf 14,5 Metern Breite können bis zu zehn Schützen gleichzeitig beübt werden. Der Geschossfang erlaubt die Nutzung von Waffen mit einer Energieleistung bis 7.000 Joule, somit können alle handwaffentypischen Kaliber – selbst bis zum Klaiber .338 Lapua Magnum – geschossen werden.

Die Besonderheit dieser Raumschießanlage ist der 180-Grad-Schießbereich ab einer vorgehtiefe von zwölf Metern. Ermöglicht wird diese durch einen Gummigranulat-Geschossfang mit integriertem Rückprallschutz (ohne notwendigen Sicherheitsabstand) an den Seiten des vorderen Teils des Raumes. Einzelne Schützen können in diesem Bereich in 180-Grad-Schießsituationen, jedoch nur mit Waffen bis 4.000 Joule Rohrmündungsenergie, beübt werden. Die Vorgehtiefe beträgt bei dieser Anlage geht bis direkt zur Zielprojektionsfläche aus Papier. Die Zieldarstellung erfolgt mittels eines 4k-Bildprojektors, mit dem auch dynamische Schießsituationen dargestellt werden können. Die thermale Treffererkennung, bei der die Trefferaufnahme mittels der entstehenden Reibungshitze erfolgt, sobald das Geschoss die Zielprojektionsfläche aus Papier penetriert, eignet sich auch für eine Trefferaufnahme im Dauerfeuer. Die Trefferaufnahmepräzision liegt nach Aussage von Messer bei einer halben Kalibergröße. Bei Bedarf können auch statische Ziele und Barrikaden aufgestellt werden, um besondere Schießsituationen zu erzeugen.

Der Raum ist darüber hinaus mit einer dimmbaren Lichtanlage ausgestattet, die unterschiedliche Beleuchtungssituationen, inklusive Störlichter, simulieren kann. Die Steuerung und Trefferauswertung kann entweder stationär über einen frei im Raum platzierbaren Rechner oder mobil durch ein Leitungstablet erfolgen.

Im zweiten Obergeschoss befindet sich neben Seminarräumen eine zweite, etwas kleinere Raumschießanlage. Im Unterschied zu der größeren Anlage kann hier jedoch nur nach vorne geschossen werden. Auf einer Breite von 8,5 Metern können hier bis zu sechs Schützen gleichzeitig auf Distanzen von 3 bis 25 Metern schießen. (Foto: Waldemar Geiger)

Im zweiten Obergeschoss befindet sich neben Seminarräumen eine zweite, etwas kleinere Raumschießanlage. Im Unterschied zu der größeren Anlage kann hier jedoch nur nach vorne geschossen werden. Auf einer Breite von 8,5 Metern können hier bis zu sechs Schützen gleichzeitig auf Distanzen von 3 bis 25 Metern schießen. Auch hier sind Waffen mit bis 7.000 Joule in dynamischen Schießsituationen einsetzbar.

Da beim Schießen gesundheitsgefährdende Gase entstehen, sorgt eine Belüftungsanlage mit einer Luftleistung von mehr als 80.000 m³/h dafür, dass ein sicherer Dauerschießbetrieb gewährleistet ist. Die Geschossfänge verfügen darüber hinaus über eine abgekoppelte Entlüftung. Auch die intensive Nutzung von Bleimunition ist nach Aussage von Thomas Messer somit sicher möglich.

Neben den zwei Indoor-Schießhallen für den scharfen Schuss gibt es mehrere Seminarräume und eine etwa 600 m² große CQB-Anlage, in der realitätsnahe Close-Quarters-Battle-Szenarien mit Force on Force Trainingsmunition (spezielle Farbmarkierungsmunition für Nahdistanzen) dargestellt werden können. (Foto: MSTZ)

Last but not least befindet sich im Kellerraum eines Nebengebäudes die bereits angesprochene CQB-Anlage, in der neben unterschiedlichen Lichtverhältnissen auch Rauch- und Nebelszenarien simuliert werden können.

Kritische Erfolgsfaktoren

Die Idee für ein Produkt ist schnell geboren, die Herausforderung liegt jedoch in der Umsetzung. Damit ein Projekt wie das MSTZ gelingen kann, braucht es nach Überzeugung von Messer nicht nur spezifisches Wissen, was ein solches Schießausbildungszentrum ausmacht, sondern auch wie dies effektiv, effizient und genehmigungsfähig gebaut werden kann. Da ist es praktisch, wenn der Bauherr nicht nur über fundierte Erfahrung in der Schießausbildung verfügt, sondern auch ein eigenes Bauunternehmen besitzt. „Ohne diesen Hintergrund wäre der Bau nicht möglich gewesen“, betont Messer bei der Führung durch das MSTZ. Insbesondere die 19 Monate Bauzeit hätten seiner Meinung nach andernfalls nicht realisiert werden können.

Wegen seines Bezugs zur Bauindustrie hat der findige Unternehmer bereits vor knapp einem Jahrzehnt ein altes Fabrikgelände im Zentrum von Offenbach erstanden, welches er peu à peu entwickelt hat. Dort vermietet er nicht nur  Gewerberäume an externe Kunden, sondern betreibt auch mehrere eigene Unternehmen – darunter eine Fertigung für Pistolenholster und einen Spezialhandel für zivile und behördliche Bewaffnung und Ausrüstung. Nun ist das Schießausbildungszentrum hinzugekommen.

Nur durch diese Kombination von „Anwender- als auch Herstellerwissen“ in einer Person konnte das Projekt seiner Meinung nach erfolgreich realisiert werden. Messers Ausführungen zufolge war es unter anderem entscheidend, dass er nicht nur wusste, welche Trainingsinfrastruktur für eine effektive Ausbildung notwendig ist, sondern auch, wie diese am Ende effizient gebaut werden kann. Dies hat sowohl Zeit als auch Kosten gespart.

Kein Wunder also, dass er sich vorstellen kann, dieses Projekt im Stil eines Fertighauses auch an anderen Standorten in Deutschland zu realisieren. Wenn gewünscht, dann auch im Auftrag von Bundesbehörden wie beispielsweise der Bundeswehr, wo ebenfalls ein hoher Bedarf an Raumschießanlagen existiert.

Waldemar Geiger