StartStreitkräfteKommentar: Der Krieg hat begonnen – auch im Informationsraum

Kommentar: Der Krieg hat begonnen – auch im Informationsraum

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Wenige Minuten nachdem der russische Staatschef in einer Fernsehansprache den Einmarsch in die Ukraine angeordnet hat, herrscht Krieg und die Ereignisse überschlagen sich. Dies stellt auch die deutsche Gesellschaft vor große Herausforderungen.

Die Öffentlichkeit muss sich bewusst sein, dass nicht alle Meldungen der nächsten Stunden und Tage – egal von welcher Kriegspartei sie kommen – der Wahrheit entsprechen werden. Insbesondere das Internet wird mit Behauptungen, Bildern und Videos von angeblichen Ereignissen überflutet werden. Es ist daher Vorsicht bei der Bewertung von Meldungen geboten. Insbesondere dann, wenn sie aus nicht gesicherten Quellen stammen. Man sollte immer daran denken, der Informationsraum ist integraler Bestandteil des Krieges – und der Aggressor Russland beherrscht auch diese Art der Kriegführung und hat bereits in der Vergangenheit umfassend Fake-News eingesetzt. Wir müssen uns im Klaren darüber sein, dass wir dadurch auch in Deutschland an dem Krieg teilhaben, wenn nicht sogar aktiv eingreifen, sobald wir falsche Informationen oder Propaganda weiterverbreiten.

Die hohe Korrespondentendichte in der Konfliktregion und unzählige Meldungen in den sozialen Netzen suggerieren nur einen tiefen Einblick in das aktuelle Geschehen vor Ort, sie bilden dieses aber, wenn überhaupt, nur unvollständig ab. Nicht jede Explosion in einer Stadt oder in einer bestimmten Einrichtung bedeutet automatisch, dass dort ein Einmarsch droht. Insbesondere zu Beginn einer militärischen Operation, egal ob bei einem Zugriff von Spezialkräften, einem lokalen Gefecht oder einer breit angelegten Offensive kann man davon ausgehen, dass die Gefahr nicht zwangsläufig aus der Richtung droht, wo es am „lautesten knallt“. Es ist seit jeher ein vordringliches militärisches Ziel, den Gegner über die eigene Absicht so lange wie möglich im Unklaren zu lassen. Ein Beispiel dafür sind Meldungen über die russische Einnahme des Flughafens in Kiew, die wenige Minuten nach Kriegserklärung erfolgt sein soll. Ob dies zutrifft, ist auch viele Stunden später unklar. Viele solcher Meldungen werden sich als richtig erweisen, aber viele auch nicht.

Selbst offizielle staatliche Quellen sind mit Vorsicht zu genießen. So hat das ukrainische Verteidigungsministerium heute Morgen den Abschuss von fünf russischen Flugzeugen und eines Hubschraubers vermeldet. Die russische Seite hat dies umgehend dementiert. Nur eine dieser Aussagen kann stimmen, welche Seite da die Weltöffentlichkeit falsch informiert, ist zumindest in der Hitze des Gefechtes nicht zu klären.

Unser Informationshunger verleitet uns buchstäblich dazu, live aus der Ferne dabei sein zu wollen. Die technologischen Errungenschaften der letzten Jahrzehnte möchten uns glauben machen, dass dies auch möglich ist. Wir müssen uns aber der damit einhergehenden Gefahren bewusst sein. Der Krieg hat begonnen – und er wird auch im Informationsraum geführt!

Waldemar Geiger