StartBewaffnungPolnischer Piorun MANPADS: Ein Überblick

Polnischer Piorun MANPADS: Ein Überblick

Advertisement

Print Friendly, PDF & Email

Es vergeht derzeit kaum ein Tag, an dem in den sozialen Netzten veröffentlichte Bilder die Einsatzerfolge unterschiedlicher schultergestützter Boden-Luft-Flugabwehrraketensysteme im Ukraine-Krieg zeigen würden. Dabei stammen die auf ukrainischer Seite genutzten Systeme aus unterschiedlichsten Quellen. Bis jetzt, insbesondere beim westlichen Publikum, wenig beachtet ist das aus polnischer Fertigung stammende Piorun MANPADS (Man Portable Air Defense System). Dieser Beitrag soll daher den Fokus auf dieses recht junge Wirkmittel richten.

Der Piorun (Blitz) ist die neuste MANPADS-Entwicklung des polnischen Traditionsunternehmens Mesko. Das in Skarżysko-Kamienna, im südlichen Zentralpolen gelegene Werk von Mesko hat mehrere Jahrzehnte Erfahrung in der Herstellung von schultergestützten Boden-Luft-Flugabwehrraketensystemen. Mitte der 1970er Jahre begann zuerst die Lizenzproduktion der 9K32 Strela-2. Ab den späten 1980er Jahren sollte diese durch die modernere 9K38 Igla abgelöst werden. Die als Igla-MANPADS-Familie bekannt gewordene Waffe sollte zahlreiche Schwachstellen der Strela beseitigen und neben einer gesteigerten Leistung auch frontal anfliegende Ziele bekämpfen können.

Die ambitionierten Ziele führten bereits Ende der 1970er Jahre zu zahlreichen Problemen, sodass das Programm in mehreren Schritten und deutlich langsamer voranschritt. Erst 1983 liefen die ersten 9M39 Flugkörper mit deutlich geringerer Störanfälligkeit und höherer Reichweite den sowjetischen Streitkräften zu. Die angesprochenen Verzögerungen führten dazu, dass die politischen Ereignisse um den Fall des Eisernen Vorhangs das Projekt überholten und die polnischen Streitkräfte Anfang der 1990er Jahre über keine moderne schultergestützten Boden-Luft Systeme verfügten.

So begannen ab 1992 die Konstruktion einer neuen Waffe auf Basis der Igla, um die stetig wachsende Lücke zu füllen. Bereits 1995 konnte die erste als Grom (Donner) bezeichnete MANPADS an die polnischen Streitkräfte ausgeliefert werden. Die auch für den Export laufende Produktion ist bis heute aktiv und Mesko meldete im Dezember 2021 die Lieferung des 3000ten Systems.

Grom MANPAD System mit Flugkoerper Foto Mesko S. A. e1647339715256
Grom MANPAD System mit Flugkörper (Foto: Mesko S. A.)

Ab 2010 begannen die Arbeiten an einer Modernisierung der Grom. Ziel des fünfjährigen Projektes war es, die Zielverfolgung und die Letalität zu erhöhen. Dabei sind die äußeren Parameter von Stargerät und Rakete wie etwa Gewicht, Länge oder Durchmesser des Flugkörpers fast unverändert geblieben. Vielmehr wurde der Suchkopf weiterentwickelt, um Wärmequellen aus größerer Entfernung erfassen zu können. Zeitgleich wurde die Störbarkeit reduziert. Hierzu wurde eine neue Software integriert. Diese ermöglicht es dem Schützen bei dem Zielvorgang den Zieltyp (Flächenflugzeug oder Hubschrauber) auszuwählen. Der entsprechende Algorithmus führt den Bekämpfungsvorgang im Anschluss an das Ziel angepasst durch. Auch die Zielaufklärung und Verfolgung wurde durch eine neue Optik, welche über eine eigens entwickelte Montage auf dem MANPADS befestigt werden kann, verbessert. Ein vergrößerter Batteriebehälter ermöglicht die Abdeckung des gestiegenen Energiebedarfes. Der angesprochenen Steigerung der Letalität dienen die Erhöhung des Sprengkopfgewichtes von 550 Gramm sowie der neu entwickelte Annäherungszünder.

Der Piorun Lenkflugkörper besteht, wie das als Basis dienende Grom, aus einem Raketenkörper mit einem Durchmesser von 72 mm. An der Spitze findet sich der Suchkopf mit angehangener Stromversorgung und Mechanik. Direkt dahinter liegt die Sprengladung mit einem vorgeformten Splittermantel, gefolgt von dem Start- und Marschtriebwerk. Die Masse des Flugkörpers beträgt wie bei der Grom 10,3 kg, was zusammen mit dem Startgerät in einem Systemgewicht von 18,5 kg resultiert. Trotz unveränderter Dimensionen konnte durch moderne Fertigungsverfahren und einem veränderten Feststoffantrieb die Leistungsfähigkeit des Flugkörpers verbessert werden. Die Piorun weist gegenüber der Grom eine um knapp 1000 m vergrößerte Reichweite und um 500 m verbesserte maximale Bekämpfungshöhe auf.

Trotz einiger Verzögerungen im Programm bestellten die polnischen Streitkräfte im Dezember 2016 das erste Los, bestehend aus 420 Startern und 1.300 Flugkörpern. Seitdem ist auch die Integration in die SPZR Poprad sowie PSR-A Pilica VSHORAD (Very Short Range Air Defense) Systeme erfolgt.

SPZR Poprad VSHORAD System mit Piorun Flugkoerper Foto PIT Radwar S. A. e1647339666585
SPZR Poprad VSHORAD System mit Piorun Flugkörper. (Foto: PIT-Radwar S. A.)

Am 11.02.2022 wurde bekannt, dass das US-Verteidigungsministerium eine nicht näher genannte Menge an Piorun MANPADS für das eigene VSHORAD bestellt hat. Zeitgleich gab Mesko an, dass die polnische Regierung die Freigabe für die Lieferung von Piorun Systemen an die Ukraine erteilt hatte. Diese Lieferung erfolgte im Eiltempo und ergänzte die bereits vorhandenen Grom Systeme in ukrainischen Händen. Wie viele Systeme seitdem an die ukrainischen Streitkräfte übergeben worden sind, ist nicht veröffentlicht, dass die MANPADs allerdings in Nutzung sind, belegen spätestens die unlängst von der ukrainischen Nationalgarde veröffentlichen Bilder. So wurde dem Vernehmen nach bereits am 06.03.2022 eine Piorun MANPADS für den Abschuss einer russischen Su-25 nahe der ostukrainischen Metropole Charkiw verwendet.

Technische Daten (Herstellerangaben)
Bekämpfungshöhe: 10 – 4.000 m
Maximale Reichweite: 6.500 m
Gewicht des Systems in Feuerstellung: 18,5 kg
Masse des Flugkörpers: 10,3 kg
Durchmesser des Flugkörpers: 72 mm
Höchstgeschwindigkeit: 660 m/s
Durchschnittliche Marschgeschwindigkeit: 580 m/s

Kristóf Nagy