StartAusrüstung & BekleidungBoom bei Kampfbekleidungssystemen

Boom bei Kampfbekleidungssystemen

Jan-Phillipp Weisswange

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Eine der Beobachtungen auf der Enforce Tac 2022 war ein regelrechter Boom bei taktischen Bekleidungssystemen. Hersteller wie 5.11, Arcteryx, Arktis, Carinthia, Direct Action, DNS Alpha, Lindnerhof-Taktik, Mehler Vario System, MD-Textil, NFM, Odjeca, Schöffel, Sioen, Snigel Design, Tasmanian Tiger, UfPro, VertX, Wintex, W. L. Gore und viele weitere stellten ihre Bekleidungssysteme oder Materialien vor. Auch Komplettanbieter wie Precision Technic Defence, die Recon Company oder Tacwrk waren am Start, um ihre Kollektionen für moderne Kämpfer zu präsentieren.

Der Boom bei Bekleidung und Ausrüstung lässt sich zum einen mit einem enormen Bedeutungsgewinn erklären. Selbst in Deutschland wurde auf höchster politischer Ebene erkannt, welche herausragende Rolle einer modernen Bekleidung und persönlichen Ausrüstung zufällt – nicht nur für Kampfkraft und Schutz des individuellen Soldaten, sondern auch für die Außenwirkung und damit letztlich die Nachwuchswerbung. In diesem Zusammenhang ist auch die dank verkürzter Verfahren auf den Weg gebrachte Vollausstattung zu sehen – S&T berichtete.

Weitere Gründe liegen sicherlich in der fortschreitenden Technologie. Neue Hochleistungsmaterialien und neue Konstruktionsmöglichkeiten halten immer mehr Einzug. Damit lässt sich bei Einsatzbekleidung, Kälte- und Nässeschutz und selbst bei Monturen für Spezialanwendungen immer höherer Tragekomfort erreichen. Das bleibt dem Kunden nicht verborgen und so bringt er seinerseits einige Projekte auf den Weg, um selbst verhältnismäßig kleine Truppenkörper mit Spezialbekleidung auszustatten.

Hersteller von Bekleidung und auch von Textilmaterialien sind daher schon seit einiger Zeit nicht bloß als Konfektionäre, sondern auch als Berater bei der Entwicklung gefragt. Als ein Beispiel hierfür sei der Bekleidungssystem-Entwickler DNS Alpha, der den Kunden bei der Entwicklung von Bekleidungssystemen begleitet und sowohl bei Konstruktion als auch Material berät. Für eine europäische Behörde entstand beispielsweise ein flammhemmender Nässeschutzanzug, der den Komfort eines Einsatzanzugs bietet. Dieses Produkt ist mit der flammhemmenden Gore Pyrad-Technologie ausgerüstet. Ebenso zeigte DNS Alpha einen zweiteiligen Einsatzanzug bestehend aus Kampfhemd und Kampfhose.

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DNS Alpha zeigte unter anderem einen zweiteiligen Einsatzanzug bestehend aus Kampfhemd und Kampfhose. (Foto: Weisswange)

Ein sich verfestigender weiterer Trend ist der Schritt zum Komplettanbieter. Hier sei als Beispiels der österreichische Hersteller Goldeck mit seiner Marke Carinthia genannt, der vor allem für seinen Kälte- und Nässeschutz sowie Schlafsäcke bekannt ist. Jetzt stellte das Kärntener Unternehmen erstmals sein neu entwickeltes Bekleidungssystem „Combat Clothing Line“ vor. Dieses besteht aus Kampfhose, Kampfhemd und Kampfbluse und einer separaten Kapuze. Die in Zusammenarbeit mit Spezialkräften entwickelte Bekleidung lässt sich miteinander kombinieren, wird wahlweise mit Vektorenschutz oder flammhemmend angeboten und in Multicam, 5-Farb-Flecktarn, oliv lieferbar sein. Sie kann neu entwickelte Knie- und Ellenbogenschoner aufnehmen, ist aber auch mit anderen kompatibel.

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Carinthia zeigte erstmals sein neu entwickeltes Bekleidungssystem „Combat Clothing Line“. (Foto: Weisswange)

Auch die US-Firma 5.11 ging einen ähnlichen Schritt und bietet nun ein komplettes Bekleidungssystem von der Unterwäsche bis zur Kälteschutzbekleidung an. Die neue Kälte- und Nässeschutzschicht nennt sich „Weather Ready“. Weiterhin wurde das Sortiment um eine neue, sehr leichte Hot Weather Uniform erweitert, eine Einsatzbekleidung für heiße Klimazonen. 5.11 hat auch in Europa ein Entwicklerteam vor Ort. Eines der jüngsten Projekte dieser Gruppe ist ein Einsatzhemd für die Polizei Hamburg, welches insbesondere auf das Tragen in Verbindung mit der Schutzweste abgestimmt ist.

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Die US-Firma 5.11 zeigte ein komplettes Bekleidungssystem von der Unterwäsche bis zur Kälteschutzbekleidung. (Foto: Weisswange)

Generell ist zu beobachten, dass vermehrt das Motto „Keep it simple and safe“ Einzug hält. Lindnerhof zeigte eine neue Einsatzbekleidung, die in Kooperation mit UfPro – beide Unternehmen gehören anteilig zur Mehler Vario System – entwickelt wurde. Im Mittelpunkt stand ein einfaches und dabei zweckmäßiges Design. Auch hier fällt wiederum die Kompatibilität der Kniepartien mit den Schonern anderer Hersteller – natürlich UfPro, aber auch Arcteryx und Crye Precision auf.

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Auch Lindnerhof zeigte seine neue Einsatzbekleidung. (Foto: Weisswange)

Ebenso bleibt die Branche farbenfroh. Die Hersteller bieten eine Vielzahl von Tarnmustern an. Dazu kommen ergänzende Tarnüberwürfe etwa von Fibrotex, Ghosthood oder PhantomLeaf. Es bleibt abzuwarten, inwieweit die Rückbesinnung auf den mitteleuropäischen Einsatzraum die Abkehr von möglichst universellen Tarnmustern wieder zurück zum klassischen Waldtarn bringen wird.

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W.L. Gore zeigte unter anderem seine neue Stretch-Technologie. (Foto: Weisswange)

So vielfältig und zahlreich die Aussteller auf der Enforce Tac waren, so sehr wird sich der Boom bei der Bekleidung auch in anderer Hinsicht bemerkbar machen. So rechnen Beobachter der Branche mit einer Verteuerung der Produkte. Das hat vielerlei Gründe. Zunächst sind wegen der anstehenden Großaufträge die Produktionskapazitäten knapp, insbesondere was Spezialkonfektionen angeht. Weiterhin gibt es auch in der Bekleidungsbranche Lieferkettenprobleme. Einige Rohstoffe, vor allem die Grundmaterialien für Hochleistungstextilien, werden knapp. Ein weiterer limitierender Faktor sind mangelnde Transportkapazitäten aufgrund der globalen Pandemielage. So ist es derzeit schwierig, Transportraum zu buchen. Und schließlich werden sich auch die höheren Energiekosten auf die Fertigung auswirken. Gleichwohl streben weiterhin Newcomer auf den Markt und präsentieren ihrerseits durchdachte Lösungen. Konkurrenz belebt ja bekanntlich das Geschäft.

Jan-Phillipp Weisswange