StartStreitkräfteKommentar: Mehr Instandsetzung in der Truppe erfordert zusätzliche Produktionsaufträge für die Industrie

Kommentar: Mehr Instandsetzung in der Truppe erfordert zusätzliche Produktionsaufträge für die Industrie

Waldemar Geiger

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Die Instandsetzung von Wehrmaterial gehört zu den ureigenen Aufgaben der Streitkräfte, unabhängig von Teilstreitkraft oder Truppengattung. Dies reicht von der frontnahen Gefechtsschadensinstandsetzung liegengebliebener Fahrzeuge oder beschädigter Waffensysteme bis hin zur Wartung und dem Austausch schadhafter Einzelkomponenten. Lediglich Grundüberholungen und Modernisierungen gehören klassischerweise zum Aufgabenbereich der Industrie und nicht der Streitkräfte. Bei den deutschen Streitkräften gilt diese Aufgabenteilung im Augenblick jedoch nicht.

Sparzwänge und Personalabbau in der Bundeswehr haben in den vergangenen Jahrzehnten dazu geführt, dass die Aufgabenverteilung zwischen Industrie und Streitkräften verändert wurde, was nun wiederum Folgen – unter anderem durch längere Instandsetzungszyklen – für die Einsatzbereitschaft der Bundeswehr hat.

In den Zeiten des Sparzwanges sollte mit diesem System die sprichwörtliche Quadratur des Kreises gelöst werden. Man wollte Haushaltsmittel einsparen, daher wurde Personal abgebaut, es wurden weniger Ersatzteile und Spezialwerkzeuge bestellt, Material ohne Instandsetzungsrechte erworben oder gleich ganze Beschaffungsvorhaben aufgegeben.

Darüber hinaus sollte der militärische Anteil der Einsatzkontingente für Auslandseinsätze so klein wie möglich ausfallen, was dazu führte, dass viele logistische Aufgaben, darunter auch Anteile der Instandsetzung, an industrielle Akteure vergeben wurden. Gleichzeitig wollte man mittels dieser Aufgabenverschiebung strategisch wichtige Kapazitäten der deutschen Rüstungsindustrie und die damit verbundenen Arbeitsplätze erhalten.

In Zeiten ausbleibender Beschaffungsvorhaben kamen die alternativen Einkommensmodelle für die Industrie wie gerufen. Die Panzerbauer – das gleiche gilt auch für andere Unternehmen – bauten zwar weniger Panzer, konnten aber einen Teil weggebrochener Aufträge dadurch ersetzen, dass sie die vorhandenen Kapazitäten für die Instandsetzung von Panzern nutzen.

Jetzt gibt es Bestrebungen, diese Änderungen zurückzudrehen, was wichtig und richtig ist. „Wir sollten die Kompetenzen der Truppe stärker nutzen, die ihr Gerät selbst instandsetzen will“, fordert die Wehrbeauftragte Eva Högl in einem jüngst veröffentlichten Interview auf dem Portal „t-online.de“. „Wir haben da ein hohes Niveau, hier sollten wir stärker auf die eigenen Fähigkeiten zurückgreifen“, so Högl weiter.

Allerdings müssen dabei insbesondere langfristige negative Folgen, die mit den Änderungen verbunden sind, von vorneherein berücksichtigt und durch Gegenmaßnahmen kompensiert werden. Denn, was sich nach einer einfachen und logischen Problemlösung anhört, hat direkte Auswirkungen auf die Rüstungsindustrie, welche ein elementarer Bestandteil deutscher Sicherheitspolitik ist.

Eine hohe Einsatzbereitschaft der Truppe ist ein legitimes Ziel deutscher Sicherheitsinteressen, es darf aber nicht nur kurzfristig gedacht werden. Der Krieg in der Ukraine führt uns deutlich vor Augen, wie wichtig eigene industrielle Fähigkeiten sind.

Gleichzeitig lehren uns alle Erfahrungen der letzten Jahre, dass einmal abgebaute Kapazitäten nicht, oder nur auf lange Sicht und unter Inkaufnahme von hohen Anstrengungen, wieder aufgebaut werden können.

Eine Verlagerung von Anteilen der Instandsetzung in die Truppe muss daher zwingend mit erhöhten Bestellungen von Rüstungsgütern für dieselbe Industrie begleitet werden, wenn deren Leistungsfähigkeit erhalten werden soll. Damit sind sowohl direkte Beschaffungsprojekte der Bundeswehr als auch Exportaufträge gemeint. Denn wegbrechende Aufträge in der Panzerwartung, können nicht durch Bestellungen neuer Fregatten oder Kampfflugzeuge ausgeglichen werden. Umgekehrt gilt das genauso.

Wichtig ist weiterhin, dass die Aufträge unmittelbar und nicht erst perspektivisch ersetzt werden. Denn kein Unternehmen kann es sich leisten, Personal über Jahre hinweg zu beschäftigen, ohne dass dieses zur Wertschöpfung beiträgt.

Waldemar Geiger