StartMobilitätSlowenien steigt aus dem Boxer-Programm aus

Slowenien steigt aus dem Boxer-Programm aus

Gerhard Heiming

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Nach Vorliegen eines Prüfberichts über die „Effizienz der Beschaffung von 8×8-Radkampffahrzeugen für die slowenischen Streitkräfte“ hat die slowenische Regierung beschlossen, sich aus dem Boxer-Programm zurückzuziehen, wie aus einer Mitteilung des slowenischen Verteidigungsministeriums hervorgeht.

Erst am 11. Mai unterzeichnete der damalige Verteidigungsminister Matej Tonin, trotz der Niederlage bei der kurz zuvor abgehaltenen Parlamentswahl, mit der europäischen Beschaffungsbehörde OCCAR (Organisation Conjointe de Coopération en matière d’Armement) den Beschaffungsvertrag für 45 gepanzerte Transportkraftfahrzeuge GTK Boxer im Wert von 343 Millionen Euro, S&T berichtete. Gleichzeitig war Slowenien im Beobachterstatus in das Boxer-Programm der OCCAR aufgenommen worden.

Gemäß dem abgeschlossenen Vertrag sollte der erste Boxer 2023 geliefert werden, offensichtlich ein Nachweisexemplar, mit dem die Erfüllung der militärischen Forderungen überprüft werden soll. Die weiteren Fahrzeuge sollten 2024 (neun Stück), 2025 (22 Stück) und 2026 (13 Stück) geliefert werden.

Der Prüfbericht

Nach Informationen der slowenischen Regierung liegen bereits erste Rechnungen für Entwicklungs- und Betriebskosten über insgesamt rund zehn Millionen Euro vor. Der Rücktritt vom Vertrag wird weitere Ausfallkosten verursachen. Die OCCAR hat vorläufig Kosten in Höhe 20 Prozent des Vertragswert geschätzt, das wären bis zu 60 Millionen Euro.

In dem Prüfbericht des Verteidigungsministeriums werden vor allem die unvollständigen Vergleiche der vorliegenden Angebote kritisiert. Weil die vorliegenden Angebote ungenügend und unterschiedlich aufgeschlüsselt worden seien, sei eine Nachprüfung der Entscheidungen nicht möglich. Zu früh habe man die Untersuchungen auf den Boxer konzentriert. Zum Beispiel sei die Anpassung der Armoured Modular Vehicle (AMV) des Herstellers Patria durch den polnischen Lieferanten Wojskowe Zakłady Mechaniczne (WZM) nicht geprüft worden.

Der Boxer habe die vom Auftraggeber geforderten Mindestanforderungen an Feuerkraft, ballistischen und Minenschutz, Manövrierfähigkeit und taktisch-technische Eigenschaften erfüllt.

Auf der Grundlage der in den Investitionsunterlagen enthaltenen Informationen ist die Innenrevision der Ansicht, dass 2018 die teuerste Version gewählt wurde. Die Entscheidung für einen über die Mindestanforderungen hinausgehenden höheren ballistischen und Minenschutz habe zu einer geringeren Auswahl an 8×8-Fahrzeugen und folglich zu einem höheren Preis geführt. Aus diesen Gründen sei die Innenrevision nicht in der Lage, ein Urteil darüber abzugeben, dass der Kauf des Transportfahrzeuges Boxer 8×8 wirtschaftlich war.

Aufstellung neuer Bataillone

Das slowenische Verteidigungsministerium stellt die Aufstellung eines mittleren Infanterie-Kampfbataillons (MIB) und eines mittleren Kampfaufklärungsbataillons (MAB) in den Mittelpunkt seiner Überlegungen. Für das MIB werden neben den bewaffneten Transportpanzern, Fahrzeuge mit einem 120-mm-Mörser, Sanitätsfahrzeuge, technische Unterstützungsfahrzeuge und Führungsfahrzeuge benötigt, so das Ministerium. Der Aufwand dafür würde nach derzeitiger Beurteilung auf insgesamt 1,4 Milliarden Euro belaufen. Das Gesetz für die „Bereitstellung von Mitteln für Investitionen in die slowenischen Streitkräfte“ sehe im Zeitraum 2021-2026 derzeit nur 609 Millionen Euro für diesen Zweck vor. Es würden nach Schätzungen des Generalstabs in dem Zeitraum mindestens 433 Millionen Euro mehr benötigt.

Der Kostenvoranschlag für das Mittlere Kampfaufklärungsbataillon (MAB) liege noch nicht vor. Es sei zu erwarten, dass die mittleren Kampfaufklärungsfahrzeuge aufgrund der zusätzlichen Anforderungen teurer sein werden als die mittleren Infanteriekampffahrzeuge. Dies führt zu geschätzten Kosten von rund 800 Millionen Euro für ein solches Bataillon, aber selbst diese Kosten beinhalten nicht die Infrastruktur, die Ausbildung und den Lebenszyklus der Anlagen.

Durch die Optimierung, die Reduzierung der Beschaffung der vorgesehenen Anzahl von 8×8 Armoured Personnel Carriers (APCs), die Auswahl eines möglicherweise günstigeren Anbieters und die Nachrüstung der vorhandenen 30 8×8 APCs will das Ministerium Einsparungen von mindestens 400 Millionen Euro erzielen.

Ein neuer Kandidat

Ein heißer Kandidat als querschnittliches Trägerfahrzeug ist das AMV des finnischen Herstellers Patria, das in Polen als KTO Rosomak in verschiedenen Versionen eingeführt ist. Dessen Schutz entspreche ebenfalls den slowenischen Forderungen und habe sich in Afghanistan bewährt. Kontakte zu Lieferanten, die bereits im Juni kolportiert worden waren, wollte das Ministerium nicht kommentieren.

Gerhard Heiming