StartStreitkräfteUkraine-Krieg: Potenziale und Grenzen einer russischen Generalmobilmachung

Ukraine-Krieg: Potenziale und Grenzen einer russischen Generalmobilmachung

Waldemar Geiger

Advertisement

Print Friendly, PDF & Email

Dass die so genannte militärische Spezialoperation – die interne russische Bezeichnung für den Überfall auf die Ukraine – nach über einem halben Jahr Krieg nicht nach Plan läuft, hat sich nach erfolgreichen Rückeroberungen der Ukrainer selbst in breiten Schichten der russischen Gesellschaft herumgesprochen. Die zur Verfügung stehenden Vertragssoldaten der russischen Streitkräfte, Söldner, angeworbene Freiwillige – darunter auch Häftlinge – sowie tschetschenische Legionäre reichen offensichtlich nicht aus, um die Kriegsziele des Kremls wahr werden zu lassen. Daher sind in Russland immer mehr Stimmen zu vernehmen, die eine russische Generalmobilmachung fordern. Jüngste Äußerungen Vladimir Putins, die dieser im Zuge des Gipfels der Shanghaier Organisation für Zusammenarbeit (SCO) im usbekischen Samarkant gemacht hat, können so gedeutet werden, dass diese Überlegungen auch im Kreml sehr intensiv betrachtet werden. Ob eine Generalmobilmachung aus russischer Sicht eine Wende herbeiführen könnte, bleibt aber fraglich, denn sie birgt große Risiken und löst nur einen Teil der Probleme.

Potenziale einer Generalmobilmachung

Die Ausrufung einer Generalmobilmachung und des Kriegsrechtes wäre generell dazu geeignet, mehrere quantitative Personalprobleme der russischen Armee in der Ukraine zu lösen. Einige der Folgen würden sich bereits unmittelbar auswirken.

Russland würde damit in die Lage versetzt werden, bereits seit Montanen in den Streitkräften dienende Wehrpflichtige in den Krieg zu schicken, um die Lücken der kämpfenden Truppe aufzufüllen.

Gleichzeitig wäre es der russischen Armee möglich, auslaufende Verträge der Vertragssoldaten einseitig zu „verlängern“, beziehungsweise deren Kündigungen zu unterbinden, die nach derzeit geltendem Recht immer noch möglich sind – wenn auch mit harschen Repressalien gerechnet werden muss.

Gleichzeitig bestünde die Option, erst vor kurzem entlassene Soldaten beziehungsweise Reservisten wieder für den Kriegsdienst einzuziehen. Da dieses Personal über eine noch frische Ausbildung verfügt, könnten die daraus ausgehoben Reserven ebenfalls recht schnell in die Ukraine gebracht werden. Da sich unter diesem Personal nicht nur einfache Soldaten, sondern auch erfahrene militärische Führer und Unterführer befinden, könnten damit theoretisch auch schlagkräftigere Verbände aufstellt werden, als dies derzeit möglich ist.

Zudem böte sich aus russischer Sicht die langfristige Chance, mehrere zehn- oder hunderttausend zusätzliche Soldaten aus der Bevölkerung Russlands auszuheben.

Grenzen der Generalmobilmachung

Dass dies nicht bereits erfolgt ist, hat seine guten Gründe, denn eine Generalmobilmachung birgt viele Risiken und hat die Sprengkraft einen aus russischer Sicht lokal begrenzten Konflikt ins Innere Russlands zu tragen.

Die russische Strategie bestand seit über einem halben Jahr darin, die eigene Bevölkerung vor den Kriegsgeschehnissen in der Ukraine abzuschirmen. Von morgens bis abends wurde seitens der staatlichen Propagandamaschinerie verlautbart, dass die chirurgisch ausgeführte Militäroperation nach Plan laufe und die eigene Bevölkerung vor jeglichen negativen Aspekten des Krieges geschützt sei. Dieses Bild wurde spätestens nach erfolgreichen Angriffen der ukrainischen Streitkräfte auf russische Militärstützpunkte auf der Krim deutlich angekratzt. Die kurz darauf angelaufene Rückeroberung von Gebieten, die von Russland besetzt waren, hat das Zerrbild endgültig zerschlagen.

Wenn plötzlich auch noch eigene Kinder der Gefahr ausgesetzt werden könnten, in den Krieg ziehen zu müssen, würde der Unmut in breiten Teilen der russischen Gesellschaft erheblich zunehmen. Der Rückhalt der Putinschen Politik würde sinken oder könnte sogar gänzlich kippen.

Das politische Risiko ist also enorm. Dieses würde sich zudem durch ökonomische Nachteile einer Generalmobilmachung noch weiter erhöhen. Große Teile der russischen Erwerbsbevölkerung würden nicht mehr zur Erhaltung des durch die Sanktionen ohnehin angeschlagenen Wohlstandes beitragen können, sondern in den Streitkräften kämpfen beziehungsweise für deren Einsatzfähigkeit arbeiten müssen.

Zudem ist es unklar, welchen Einsatzwert die im Zuge der Generalmobilmachung ausgehobenen Truppen überhaupt haben würden. Neben einem äußerst heterogenen Ausbildungsstand dieser Truppen, wäre da noch die Frage der Kampfmoral einer Truppe welche zwangsweise in den Krieg ziehen muss, obwohl sie es nicht will. Vermutlich sind alle, die freiwillig oder für hohe Geldbeträge kämpfen wollen, bereits in der Ukraine oder auf dem Weg dorthin.

Schlussendlich würde auch die Mobilmachung die gravierenden Schwächen der russischen Streitkräfte nicht lösen können, die ursächlich sind für die jüngsten Verluste. Denn die Mobilmachung kann keinen Beitrag dazu leisten, die sich als unterlegen abzeichnende Führungskultur der russischen Streitkräfte zu reformieren. Sie eignet sich auch nicht, die Schwächen der russischen Streitkräfte im Bereich der Generierung von präzisen Echtzeitlagebildern und der abstandsfähigen Präzisionswirkung zu beseitigen. Eine Mobilmachung würde zwar neue Soldaten aber, keine neue Fähigkeiten bringen. Die neu ausgehoben Soldaten können auch keinen positiven Beitrag dazu leisten, die Fähigkeiten der russischen Luftwaffe zu verbessern oder die Flugabwehr zu stärken, da es an den dafür notwendigen Mitteln und Waffensystemen mangelt.

Der wichtigste Faktor betrifft aber die Versorgung. Die russische Armee ist nicht in der Lage, die jetzige Truppe adäquat mit allen notwendigen Mitteln zu versorgen, da es den ukrainischen Streitkräften zunehmend besser gelingt, die Versorgungslinien der russischen Armee zu stören oder gänzlich zu kappen. Mehr unterversorgte Truppen, die nicht das notwendige Rüstzeug zum Kampf gegen einen besser bewaffneten und geführten Gegner haben, sind da eher schädlich als hilfreich.

Fazit

Eine russische Generalmobilmachung bietet lediglich die Möglichkeit, zusätzliches Personal mit unklarem Einsatzwert auszuheben. Sie trägt aber nicht dazu bei, die Schwächen der russischen Armee gegenüber der ukrainischen Armee auszugleichen, da sie weder die Führungsfähigkeit stärkt, noch moderne und aus russischer Sicht dringend benötigte Waffensysteme an die Front bringt. Zudem könnte sie die Unterstützung der russischen Bevölkerung für Putins Politik erodieren lassen.

Das konventionelle Eskalationspotenzial einer russischen Generalmobilmachung ist somit äußerst unklar, da Russland keinen relevanten militärischen Beistand aus dem Ausland erhält. Das konventionelle Eskalationspotenzial des Westens hingegen ist enorm. Bis jetzt hat die Ukraine fast ausschließlich alte Waffentechnik erhalten. Moderne Flugabwehrsysteme, die das Potenzial haben, den Kampf um die Luftherrschaft in der Ukraine positiv zu beeinflussen, werden erst in den nächsten Wochen geliefert. Moderne westliche Kampfflugzeuge, Schützen- oder Kampfpanzer mit entsprechender Bewaffnung wurden noch gar nicht geliefert. Auch Präzisionswaffensysteme, die mehrere hundert Kilometer weit wirken und die russische Versorgung noch weiter schwächen können, wurden bis jetzt nicht geliefert. Dies alles könnte sich ändern, wenn sich der Westen gezwungen sieht, die Hilfe der Ukraine im Zuge einer russischen Generalmobilmachung zu erhöhen.

In einem solchen Fall könnte die russische Mobilmachung zum Bumerang werden und das Kräfteverhältnis der russischen Armee schwächen und nicht stärken.

Waldemar Geiger