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Die ungarische Regierung und die Rheinmetall AG haben sich auf die Gründung eines Joint Ventures zur Produktion von Schützenpanzern des Typs Lynx in Ungarn geeinigt. Das teilte die staatliche Nachrichtenagentur MTI am Montag mit. Dies ist der erste Beschaffungsauftrag für den Schützenpanzer, der sich gegenwärtig auch im Wettbewerb in Australien, Tschechien und den Vereinigten Staaten befindet.

Die Vereinbarung sieht ein Gesamtvolumen von mehr als zwei Milliarden Euro vor, somit das bislang größte Modernisierungsprogramm der ungarischen Streitkräfte. Eine genaue Stückzahl zu beschaffender Schützenpanzer wurde nicht bekanntgegeben, dem Vernehmen nach hat das ungarische Heer in der Vergangenheit einen Gesamtbedarf von ca. 200 Schützenpanzern angemeldet.

Lynx

Der von Rheinmetall Defence entwickelte Lynx KF41 hat über eine dreiköpfige Besatzung und kann bis zu acht Infanteristen/Grenadiere aufnehmen. Mit einem Leergewicht von 44 to kann das Fahrzeug bis zu 6 to Zuladung aufnehmen. Das Unternehmen plant den Lynx auch in anderen Varianten, wie Berge-, Instandsetzungs-, Pionier-, Mörser- und Sanitätsfahrzeug.

Der Rumpf des Lynx weist eine vollständig geschweißte Struktur mit innenliegenden Spall Linern auf. Entkoppelte Sitze und ein doppelter Boden verbessern den Schutz gegen Minen und Sprengfallen (IED). Die ballistische Panzerung schützt das Fahrzeug nach Angaben von Rheinmetall auch gegen Panzerabwehrwaffen, Mittelkalibermunition (allgemein bis 40 mm), Artilleriesplitter und Bomblets von oben ab.

Der Lynx kann mit einem aktiven Schutzsystem, und weiteren Schutzsystemen wie dem Rheinmetall Rapid Obscurant System – Land (ROSY) und Laser- und Akustiksensoren ausgestattet werden. Der digitale Lance-Turm integriert die Mauser 30-mm-Kanone MK30-2 ABM und ein koaxial montiertes 7,62-mm-Maschinengewehr. Das Maschinengewehr wird extern angetrieben und hat drei Läufe. Erreicht ein Rohr eine kritische Temperatur, wird das Rohrbündel elektrisch zur Nutzung eines anderen Rohres gedreht: ein Vorgang, der laut Rheinmetall unter Panzerung in weniger als drei Sekunden durchgeführt werden kann.

Zudem weist der Turm bereits integrierte Behälter auf, von denen zum Beispiel der Panzerabwehr-Lenkflugkörper (ATGM) vom Typ Spike LR2 oder andere Effektoren verschossen werden können. Der Lynx ist mit einem digitalen Sichtsystem, einem integrierten Laserentfernungsmesser sowie einem computergesteuertes Feuerleitsystem ausgestattet.

Angetrieben wird der Lynx von einem Liebherr Dieselaggregat (800 kW/1.050 PS) mit einem Automatikgetriebe der Baureihe Renk HSWL 256. Die Höchstgeschwindigkeit liegt bei 70 km/h und die Reichweite bei etwa 500 km.

Modernisierung des ungarischen Heeres

Bei der Modernisierung des Heeres setzt das ungarische Verteidigungsministerium auf deutsche Rüstungsexpertise. So hatte Ungarn im Dezember 2018 mit KMW einen Vertrag zur Lieferung von 44 neugefertigten Kampfpanzern Leopard 2 A7+, drei Panzerschnellbrücken Leguan und 24 neugefertigten Panzerhaubitzen PzH 2000 sowie zur Beschaffung von zwölf gebrauchten Kampfpanzern Leopard 2 A4HU aus den Beständen von KMW zu Ausbildungszwecken unterzeichnet. Die ersten Leopard A4Hu wurden Ende Juli 2020 an das ungarische Heer übergeben.

Unabhängig davon wurde 2019 die Beschaffung von fünf WiSENT 2-Bergepanzern von der FFG Flensburger Fahrzeugbau Gesellschaft mbH (FFG), als Unterauftragnehmer von KMW, beauftragt. Das Gesamtpaket für die ungarischen Streitkräfte umfasst neben den fünf WiSENT-2-Bergepanzern, die Lieferung von zwei Pionierpanzerkits und einem Minenräumkit.

Mit den neuen Waffensystemen soll noch immer in Verwendung befindliches Gerät aus russischer Produktion ersetzt werden. Die Nutzung von Kampffahrzeugen nach europäischen Standards ist ein Schritt zur Verbesserung der Interoperabilität mit europäischen Streitkräften.

Weiterhin bestellten die ungarischen Streitkräfte 2018 insgesamt 20 Hubschrauber des Typs H145M von Airbus Helicopters in Donauwörth. Die ersten mit HForce und anderen Missionspaketen ausgestatteten Hubschrauber wurden 2019 an Ungarn übergeben. Zu der Missionsausstattung gehören neben hochauflösenden Sichtmitteln und Bewaffnung u.a. Elemente wie ein Fast Roping System, ballistischer Schutz und elektronische Gegenmaßnahmen. Die Kabine mit maximal zehn Sitzplätzen kann außer für Truppentransport auch für den Transport von Verwundeten umgebaut werden.

Die umfangreichen Beschaffungen erfolgen im Rahmen des 2016 angelaufenen zehnjährigen militärischen Entwicklungsprogramms.

Waldemar Geiger und André Forkert