StartS&T+2029 naht! - Grußwort zum Wehrtechnischen Report S&T 2026

2029 naht! – Grußwort zum Wehrtechnischen Report S&T 2026

Wolfgang Köpke, Generalmajor a.D. und Präsident Förderkreis Deutsches Heer e.V.

2029 naht!
(Foto: FKH)

Seit Beginn des barbarischen russischen Angriffs- und Vernichtungskrieges gegen die Ukraine steht eine Jahreszahl drohend im Raum: 2029. Das ist das Datum, ab dem Russland nach verbreiteter Auffassung militärisch in der Lage wäre, auch NATO-Territorium anzugreifen und damit den Bündnisfall auszulösen. Dabei dürfte klar sein, dass es sich um eine Annahme für Planungszwecke handelt. Sie besagt zunächst nur, dass Kremlherrscher Wladimir Putin oder ein Nachfolger zu diesem Zeitpunkt die Überzeugung gewinnen könnte, er könne mit einem solchen Angriff erfolgreich sein.

Hierbei spielen viele Faktoren eine Rolle. Einer ist die gegenwärtige rasante Aufrüstung Russlands, die auch von der Leistungsfähigkeit seiner (Kriegs)-Wirtschaft, der diesbezüglich zumindest passiven Haltung beziehungsweise Hinnahme seiner Bevölkerung und einem möglichen Ende des Ukrainekrieges abhängt. Verschlingt dieser Krieg keine Ressourcen mehr – insbesondere durch eine erzwungene Quasi-Kapitulation der Ukraine –, werden diese für andere „militärische Vorhaben“ nutzbar.

Natürlich könnten diese Ressourcen auch für die Verbesserung der Lebensverhältnisse im eigenen Land genutzt werden, was sinnvoller und notwendiger wäre. Doch würde das die Demobilisierung hunderttausender kampferfahrener, durch die Brutalität eines langjährigen Krieges geprägte Soldaten bedeuten, die angesichts enormer Verluste in den eigenen Reihen mehr oder eher weniger zufrieden sein könnten. Für das russische Regime könnte sich daraus eine risikobehaftete, gefährliche Lage entwickeln, vergleichbar mit der im Zuge der Oktoberrevolution am Ende des Ersten Weltkrieges oder dem Zerfall der Sowjetunion nach ihrem verlustreichen Krieg in Afghanistan.

WhatsApp MRV ST Desktop 500 x 300yH5BAEKAAEALAAAAAABAAEAAAICTAEAOw==

2029 ist kein fixes Datum

Eine neue „militärische Spezialoperation“ könnte also einfach der Herrschaftssicherung des Kremls dienen. Ob diese vielleicht in eine militärische Aggression gegen NATO-Territorium mündet, wird maßgeblich von den Signalen des Westens abhängen. Scheint er materiell und politisch zu einer entschlossenen Verteidigung bereit, fiele die Kosten-Nutzen-Analyse im Kreml wohl eher negativ aus. Zeigt er sich dagegen unzureichend gewappnet, zögerlich, uneinig, und zu Zugeständnissen bereit, könnte eine begrenzte Operation wie die handstreichartige Besetzung der baltischen Staaten aus russischer Sicht als durchaus erfolgversprechend bewertet werden.

Im Krieg gegen die Ukraine hat sich Putin nicht nur anfänglich gewaltig verkalkuliert. Ginge der Krieg für ihn dennoch mehr oder weniger erfolgreich zu Ende, zeigte ihm das nicht zuletzt, dass sich barbarische Kriegsführung und rücksichtslose Hartnäckigkeit durchaus lohnen können. All das bedeutet aber auch, dass 2029 nicht etwa fix ist. Diesbezügliche Vorboten sehen wir bereits heute. Schließlich testet Russland Westeuropa seit geraumer Zeit mit unterschiedlichsten Mitteln hybrider Kriegsführung.

Vor diesem Hintergrund muss es um des eigenen Schutzes willen darum gehen, die uneingeschränkte Befähigung zur Bündnis- und Landesverteidigung schnellstmöglich zurückzuerlangen und sich zudem bestmöglich auf den „fight tonight“ vorzubereiten. Schließlich sollte man nicht der irrigen Annahme unterliegen, man könne sich bis 2029 gänzlich in Sicherheit wiegen.

Neue, alte Herausforderungen

In diesem äußerst komplexen Prozess sind nach anfänglichen Anlaufschwierigkeiten spürbare, richtungsweisende Fortschritte zu verzeichnen. Mit dem 100-Milliarden-Sondervermögen für die Bundeswehr und der Aufhebung der Schuldenbremse für Verteidigungsausgaben hat die langjährige Unterfinanzierung der Bundeswehr endlich ein Ende gefunden.

So kann sich die Bundeswehr fortan sowohl strukturell als auch personell und materiell auf die neuen, alten Herausforderungen der Landes- und Bündnisverteidigung ausrichten. Etwa mit der Aufstellung der Mittleren Kräfte, der Aviation Brigade für die neue Streitkräftestruktur der NATO, der Heimatschutzdivision und dem Raketenabwehrsystem Arrow 3.

Die wehrtechnische Industrie, nun endlich mit Aussicht auf mehr Planungssicherheit mittels langfristiger Beschaffungsplanungen über große Stückzahlen, muss und kann, nicht zuletzt mit zusätzlichen Produktionskapazitäten, das dazu notwendige Gerät liefern: unter anderem moderne Ausrüstung für den einzelnen Soldaten, leistungsgesteigerte Kampf- und Schützenpanzer, Flugabwehrwaffen-, Drohnen- und Drohnenabwehrsysteme. In diesem Zusammenhang sei angemerkt, dass mit der Novellierung des Bundeswehrbeschaffungs-Beschleunigungsgesetzes eine notwendige weitere Straffung und Entbürokratisierung des Planungs- und Rüstungsprozesses zu erwarten ist.

Abschreckung und Verteidigung heute und morgen

Eine strategische Herausforderung stellt der unabweisbare personelle Aufwuchs dar. Sowohl für die wehrtechnische Industrie, die händeringend Fachkräfte sucht, während die zuständigen Stellen die erforderlichen Sicherheitsüberprüfungen kaum bewältigen können. Als auch für die Bundeswehr, die nach gegenwärtigem Stand in den nächsten vier Jahren einen Aufwuchs auf 198.000 bis 205.000 Soldatinnen und Soldaten erfahren soll.

Ob dieser – und letztlich der Aufwuchs auf 260.000 aktive Soldaten und 200.000 Reservisten – mit dem auf Freiwilligkeit basierenden Neuen Wehrdienst erreicht werden kann, muss sich erst noch zeigen. Insoweit hat sich die Frage nach der (Wieder-)Einführung eines verpflichtenden Wehrdienstes noch nicht erledigt.

Die sicherheits- und verteidigungspolitischen Anstrengungen unseres Landes und die unserer Bündnispartner beiderseits des Nordatlantik zielen auf den Erhalt des Friedens in Freiheit, den Schutz unserer Art zu leben. Dafür braucht es als Ultima Ratio einsatzbereite, durchsetzungsfähige Streitkräfte, die einerseits einem möglichen Aggressor deutlich machen, dass sich ein Angriff keinesfalls lohnt, also glaubhaft abschrecken, und andererseits, falls die Abschreckung versagen sollte, unser Territorium erfolgreich verteidigen können. Dies sowohl heute als auch morgen und im Jahr 2029!

Dieser Beitrag stammt aus dem Wehrtechnischen Report Soldat & Technik 2026. Die gesamte Ausgabe kann hier auch als Printprodukt oder PDF bezogen werden.