Print Friendly, PDF & Email

Die Bundeswehr hat die Dynamit Nobel Defence GmbH mit der Herstellung und Lieferung von 3.000 Wirkmitteln 90 mm des Effektors Spreng (DM11) beauftragt. Dies geht aus einer heute veröffentlichten Mitteilung auf der europäischen Vergabeplattform TED hervor. Bedarfsbegründend für diesen Auftrag ist die kürzlich erfolgte Nutzerkreiserweiterung des Wirkmittels 90 mm in der Bundeswehr. Daher kann auch erwartet werden, dass in den nächsten Monaten auch weitere Munitionssorten des Wirkmittels 90 beschafft werden. Neben dem genannten Effektor Spreng werden in der Bundeswehr die Munitionssorten Antistruktur, Nebel RP, Leucht IR und Übung PT genutzt. Insbesondere die Antistrukturpatrone dürfte im Rahmen der Nutzerkreiserweiterung demnächst weit oben auf der Beschaffungsliste stehen, da sie zusammen mit dem Effektor Spreng den Kern der Systemfamilie bildet.

Das im feuerbereiten Zustand nur rund elf Kilogramm wiegende Wirkmittel 90 mm mit dem Effektor Spreng MZ mit einem programmierbaren Mehrzweckgefechtskopf befähigt die Soldaten ein breites Zielspektrum, bei einer Distanz bis 600 Metern im direkten Schuss (leicht gepanzerte Punktziele und Infrastrukturziele) bzw. bis zu 1.200 Metern im Luftsprengpunkt (ungepanzerte Flächenziele), äußerst zielgenau zu bekämpfen. Am Detonationspunkt werden, beispielsweise bei der Patrone Spreng MZ, ca. 3.500 Wolframschwermetallkügelchen in alle Richtungen über dem Ziel beschleunigt.

Als rückstoßarmes und schultergestütztes Mehrzweckwaffensystem entwickelt, wird das Wirkmittel 90 mm durch Dynamit Nobel Defence (DND) seit Ende 2016 an die Spezialkräfte der Bundeswehr ausgeliefert. Jüngst wurde beschlossen das Waffensystem auch weiteren Truppenteilen der Bundeswehr zur Verfügung zu stellen, S&T berichtete. Beginnend Anfang 2021 werden beim Heer die Truppengattungen Infanterie, Pioniere und Heeresaufklärung mit dem Waffensystem Wirkmittel 90 mm ausgestattet. Zusätzlich werden die infanteristisch kämpfenden Einheiten von Luftwaffe, Marine und Streitkräftebasis berücksichtigt.

Funktionsweise Wirkmittel 90 mm

Der Systemhersteller DND hat das Waffensystem Wirkmittel 90 mm als Familie konzipiert. Die Basis bildet das Feuerleitvisier der Fa. Hensoldt Optronics.

Nachfolgende Effektoren können damit eingesetzt werden:

  • Abschussgerät und Patrone 90 mm Spreng MZ DM11, zum Bekämpfen von stehenden und beweglichen ungepanzerten Einzelzielen bis 600 m mit Aufschlagzündung, infanteristische Punktziele in und hinter Deckung bis 1200 m mit Luftzündung.
  • Abschussgerät und Patrone 90 mm Nebel RP DM15, zum Blenden des Gegners bis 1.200 m.
  • Abschussgerät und Patrone 90 mm Leucht IR DM16, zur Beleuchtung des Gefechtsfeldes bis 1.700 m im nicht sichtbaren Bereich.
  • Abschussgerät und Patrone 90 mm Übung DM18, zum Schul- und Gefechtsschießen, markieren von Zielen bis 600 m mit Aufschlagzündung und warnen des Gegners bis 1.200 m mit Luftzündung.
  • Abschussgerät und Patrone 90 mm ASM DM22, zum Bekämpfen von leicht gepanzerten, stehenden und beweglichen Fahrzeugen bis 600 m, infanteristischen Zielen in Schutzzuständen und zum Aufbrechen von Schutzzuständen.

Das hervorstechende Merkmal am Wirkmittel 90 mm ist die bis dahin unerreichte Fähigkeit, ein ungelenktes und ballistisch fliegendes Geschoss einer Schulterwaffe bis auf eine Distanz von 1.200 m präzise einzusetzen. Dazu misst der Schütze mittels des im Feuerleitvisier integrierten Laserentfernungsmessers die exakte Distanz zum Ziel und gibt an, mit welchem Zündermodus (Aufschlag oder Luftzündung) das Ziel bekämpft werden soll. Über einen Munitionsspeicher, welcher sich im Effektor befindet, erhält das Feuerleitvisier die ballistischen Daten. Diese werden durch das Feuerleitvisier ausgewertet. Nach dem Einschalten des Feuerleitvisiers findet eine Kommunikation mit dem Munitionsspeicher statt. Die geladene Munitionssorte wird dem Schützen im Display angezeigt. Alle notwendigen Informationen werden nach dem Entsichern an den Zünder weitergegeben und dem Schützen in Sekundenbruchteilen in Form einer geänderten Zielmarke einblendet.

Die Kombination der präzise arbeitenden und leicht zu bedienenden Technik befähigt den Schützen – selbst in Stresssituationen – auch bei weiten Entfernungen zu einer hohen Ersttrefferwahrscheinlichkeit. Der Schütze wählt nur das zu bekämpfende Ziel und den dafür zu nutzenden Effektor aus. Alle weiteren Bedienschritte werden im Feuerleitvisier angezeigt.

Waldemar Geiger