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Die U.S. Army arbeitet mit Hochdruck an der Entwicklung persönlicher High-Tech-Ausrüstung und einer neuen Handwaffengeneration, um ihren Soldaten einen entscheidenden Vorteil im infanteristischen Kampf zu verschaffen. Verantwortlich für das Modernisierungsprogramm zeichnet das „Soldier Lethality Cross-Functional Team“ des Army Futures Command unter Leitung von Brigadegeneral David Hodne, General der Infanterie und Kommandeur der Infanterieschule der U.S. Army. Dieses Team entwickelt in Zusammenarbeit mit der beteiligten Industrie unter anderem eine Hightech-Brille, eine wirkungsgesteigerte Handwaffengeneration und die derzeit leistungsfähigste Nachtsicht-Fusionsbrille auf dem Markt.

Die Nationale Verteidigungsstrategie, die unter dem ehemaligen Verteidigungsminister James Mattis entworfen und 2018 veröffentlicht wurde, „identifizierte eine besorgniserregende Erosion der Überlegenheit zwischen den US-Streitkräften und unseren Gegnern auf der ganzen Welt“, sagte General Hodne in einem anlässlich der „2020 Maneuver Warfighter Conference“ veröffentlichten Video. Aufschlussreich war auch die „Russian New Generation Warfare Study“, die unter Leitung von Brigadegeneral a.D. Pete Jones, einem ehemaligen General der US-Infanterie, erarbeitet wurde.

„Diese Studie“, so Hodne, „in Verbindung mit der „Close Combat Strategic Portfolio Review“ und der Nationalen Verteidigungsstrategie 2018 zeigte Lücken auf, die eine ernsthafte Prüfung rechtfertigten“.

„Fast zwei Jahrzehnte anhaltender Kampfeinsätze bringen nach wie vor erfahrene militärische Führer und Veteranen hervor, die in Einsätzen mit kleinen Einheiten versiert sind. Allerdings haben unsere Gegner genau analysiert, wie wir unsere Streitkräfte einsetzen, wie wir kämpfen und womit wir kämpfen“, so Hodne weiter. „Unsere Gegner verfügen über Fähigkeiten, die unseren Fähigkeiten entsprechen und in einigen Fällen sogar darüber hinausgehen. Teilweise können unsere Gegner uns aufklären, bevor wir sie erkennen, und das bedeutet, dass sie auf uns zielen und uns angreifen können, bevor wir es tun.“ Fähigkeitslücken wurden insbesondere in Bezug auf Gefechte im Urbanen Raum und Tunnelkampf festgestellt.

Basierend auf diesen Erkenntnissen wurde der Schwerpunkt der Modernisierungsbemühungen des Soldier Lethality Cross-Functional Team auf Nahkampfeinheiten (im Englischen Close Combat Force, CCF) gelegt. Diese Einheiten setzen sich aus Infanterie, Aufklärungstruppe, Pionierkräften, Beobachtern und der an vorderster Front eingesetzten Sanitätstruppe zusammen. Hodne merkte an, dass diese CCF-Truppen zwar gerade mal vier Prozent der an Gefechtshandlungen beteiligten Gesamtstärke ausmachen, aber historisch gesehen 90 Prozent der Verwundungen zu beklagen haben. Weiterhin fand der General den Umstand erwähnenswert, dass die Modernisierungsprogramme für diese ausgewählten Soldaten im Allgemeinen nur einen geringen Anteil des für die Modernisierung vorgesehenen Budgets erhalten. Diesem Umstand soll mit den nun eingeleiteten Modernisierungsvorhaben begegnet werden. Man verlässt damit den Ansatz, die Ausrüstungskomponenten bei Bedarf einzeln zu modernisieren und wechselt zu einem Ansatz, die Komponenten als Teil eines abgestimmten Systems zu begreifen und auch genauso zu rüsten.

Unter anderem sollen die folgenden drei Projekte die erkannten Fähigkeitslücken der U.S. Army schließen und den US-Soldaten bereits in naher Zukunft einen entscheidenden Vorteil im Kampf auf nahe Entfernungen verschaffen.

Integrated Visual Augmentation System

Bei der Integrated Visual Augmentation System (IVAS) handelt es sich um eine in Zusammenarbeit mit Microsoft entwickelte digitale Datenbrille, die an einen kleinen Computer und ein Funkgerät angeschlossen wird. Das Gesamtsystem besteht aus einer Datenbrille mit integriertem Heads-Up-Display, einem kompakten Rechner, Funkgeräten für Datenübertragungen, einem konformen Akkupack, einem Ladegerät und einem taktischen Cloud-Server. Nur die Brille, das Funkgerät und die Akkus werden am Mann getragen werden; der Server wird auf einem Fahrzeug der Kompanie integriert.

Die IVAS verfügt sowohl über einen digitalen Nachtsichtkanal als auch thermographische Sensoren und kann somit sowohl bei Tageslicht als auch bei eingeschränkter Sicht genutzt werden. Die Brille verbessert die Wahrnehmung sowie das Situationsbewusstsein der Soldaten, unterstützt deren Entscheidungsfindung und hilft bei der Zielerfassung bzw. Zielbekämpfung. Das Sichtfeld der Brille beträgt 80 Grad in der Breite und 40 Grad in der Höhe.

Wie in dem Video zu sehen ist, kann die IVAS dem Soldaten auf dem Gefechtsfeld Informationen darüber liefern, wo sich der Feind befindet und wo sich die eigenen Kameraden und verbündete Soldaten befinden; sie verwendet Gesichtserkennungssoftware, die dem Soldaten sagen kann, wer eine Person ist, soweit diese in einer Datenbank hinterlegt wurde; sie kann verschiedene Sprachen ins Englische übersetzen; und sie ermöglicht den Soldaten einen digitalen, kabellosen Datenaustausch zwischen den unterschiedlichen Gruppen-, Zug- und Kompanieebenen, darunter Koordinaten und Aufnahmen des Geschehens auf dem Gefechtsfeld. So müssen beispielsweise bestimmte Gefahrenpunkte im urbanen Kampf nicht umständlich mittels Sprache beschrieben werden. Ein Blick in die Richtung des Punktes genügt und das aufgenommene Bild kann an alle Folgekräfte weitergeleitet werden. Diese können sich dann bereits über die Lage orientieren, bevor sie an Ort und Stelle angekommen sind und müssen dann nicht das angesprochene Ziel erst umständlich suchen.

Gemäß Aussagen von Oberstleutnant Brad Winn, dem Projektleiter IVAS im Soldier Lethality Cross-Functional Team, hat die U.S. Army in den 28 Monaten seit Projektbeginn bereits über 20.000 Teststunden mit der Datenbrille absolviert. In dieser Zeitspanne wurden laut Winn Dutzende Designänderungen an der Hardware und tausende Änderungen an der Software vorgenommen. An den Truppenversuchen waren seiner Aussage nach ca. 1.000 Soldaten der U.S. Army, dem U.S. Marine Corps und US-Spezialkräfte beteiligt. Weitere, durch US-Luftlandekräfte durchgeführte Truppenversuche, sogenannte Soldier Touch Points, wurden erst jüngst abgeschlossen. Die U.S. Army geht davon aus, dass die beteiligten Soldaten am Ende aller Versuchsreihen ca. 40.000 Teststunden mit der IVAS absolviert haben werden. Winn erwartet, dass die finalen IVAS im vierten Quartal 2021 an die ersten Truppenverbände übergeben werden. Es ist geplant, alle CCT-Truppen der 58 Brigade Combat Teams der U.S. Army und der U.S. Army National Guard mit der Datenbrille auszurüsten.

Handwaffen der nächsten Generation

Zum Sachstand des viel beachteten Next Generation Squad Weapon (NGSW)-Vorhabens trug Major Wyatt Ottmar, Soldier Lethality CFT’s Project Officer für das NGSW, vor. Hintergrund des Projektes, welches in den CCW-Einheiten das Sturmgewehr M4A1 und das leichte MG M249 ablösen soll, ist auch hier die Beobachtung, das insbesondere gleichwertige militärische Gegner im Bereich der Handwaffen neue Fähigkeiten entwickeln, die in einigen Fällen zur Überlegenheit führen könnten.

Major Ottmar gab einen kurzen Rückblick auf die von der Army 2017 durchgeführte 2017 Small Arms Ammunition Configuration Study. Diese führte zur Entwicklung des 6.8mm-Geschosses, um welches das neue Waffensystem herum aufgebaut sein soll. Es soll höhere Wirkung und Geschwindigkeit, geringere Abmessungen und Gewicht sowie reduzierte Abschusssignaturen ermöglichen als die bisher genutzte 5,56mm x 45. Die Army stellte den interessierten Firmen das Projektil für die Entwicklungen zur Verfügung.

Der Wettbewerb um das NGSW ist noch nicht abgeschlossen, es sind sowohl bei den Waffen, als auch bei den Optiken mehrere Bieterkonsortien im Rennen. (Screenshot: U.S. Army)

Derzeit befinden sich – wie bereits verschiedentlich berichtet – drei Firmen bzw. Firmenkonsortien im Rennen um das NGSW-Vorhaben: SIG Sauer, General Dynamics (mit Beretta Defence Technlogies und True Velocity) und Textron (mit Olin Winchester). Alle drei Bewerber haben ein NGSW-Rifle, ein NGSW Automatic Rifle sowie dazugehörige Munition mit dem 6.8er-Geschoss eingereicht. SIG Sauer setzt dabei auf eine Stahl-Messing-Hybridmunition, General Dynamics auf eine Patrone mit Polymerhülse und Textron auf seine teleskopierte Hülsentechnologie (Cased Telescoped Technology). Letztere war bereits im Lightweight Small Arms Technology (LSAT)-Vorhaben bekannt geworden.

Unabhängig von NGSW-Waffen und -Munition läuft das Vorhaben für ein neues Feuerleitvisier Fire Control System. Hieran beteiligen sich L3/Harris (in Verbindung mit Leupold & Stevens) und Vortex Optics.

Im Video waren einige Sequenzen zu sehen, bei denen Soldaten mit verschiedenen Testwaffen taktische Bewegungen vornahmen und auch Ziele bekämpften. Die Prototypen-Testphasen sollen 2020 und auch noch 2021 durchgeführt werden. Da das Projekt sowohl im Zeit- als auch im Budgetrahmen liege, zeigte sich Major Ottmar zuversichtlich, dass in der zweiten Hälfte 2022 die ersten NGSW-Systeme zulaufen könnten.

Enhanced Night Vision Goggle-Binocular

Das am weitesten fortgeschrittene Projekt ist die Enhanced Night Vision Goggle-Binocular (ENVG-B).  Die ENVG-B ist eine binokulare Fusion-Brille, die zwei leistungsstarke 18-mm Nachtsichtröhren der dritten Generation (Weißer Phosphor) mit einem separaten Wärmebildkanal mittels Bildfusion kombiniert. Die U.S. Army hat einen Gesamtbedarf von 10.262 ENVG-B angemeldet, wobei bereits mehrere Hundert dieser Systeme in Nutzung sind. Die Army hat die Hersteller L3Harris und Elbit Systems USA jüngst mit der Lieferung zusätzlicher Systeme beauftragt.

Die Restlichtverstärkerröhren haben eine Mindestleistung von 2.300 FOM und ermöglichen eine Sichtweite von bis zu 300 m. Die Nutzung von Weißem Phosphor im Vergleich zum bisher üblichen Grünen Phosphor bringt klarere Konturen und daher bessere Entdeckungsmöglichkeiten. Auch wirkt das Bild ruhiger und wirkt damit einer Ermüdung des Soldaten entgegen.

Die binokulare Bauweise des ENVG-B gibt Soldaten mehr Tiefenwahrnehmung. Der Wärmebildsensor ermöglicht es, feindliche Wärmesignaturen bei Nacht und bei Tageslicht durch Rauch, Nebel und andere Verdunkelungen auf dem Schlachtfeld schneller zu erfassen. Das System kann drahtlos mit auf Handwaffen montierten Wärmebildzielgeräten kombiniert werden und das dort generierte Zielbild direkt in das Okulardisplay der ENVG-B – somit in das Sichtfeld der Nutzer – übertragen.

Die Augmented-Reality-Fähigkeit ermöglicht die Einspiegelung von Points of Interests (POI) sowie weiterer missionskritischer Informationen wie Standortkoordinaten und Navigationskurs, Textübermittlung und die räumliche Darstellung eigener Kräfte. Sie erscheinen als AR-Symbol über der tatsächlichen Position und können weitere Informationen wie bspw. die Klassifikation „verbündet“, „feindlich“, „unbekannt“ oder „neutral“ beinhalten. Die AR-Symbole zeigen auch die Entfernung und Richtung zum POI an. Die Daten werden außerhalb des aktiven Sichtfeldes (Field-Of-View – FOV) angezeigt und behindern so nicht die eigentliche Sicht des Soldaten.

Mit Hilfe von Endbenutzergeräten (Android Team Awareness Kits, ATAK-Smart-Devices) und Funkgeräten können diese POI-Informationen bei Bedarf direkt an andere Soldaten und übergeordnete Führungsebenen übertragen werden. Auch mittels Drohnen aufgenommene Bilder können direkt vor das Auge des ENVG-B-Nutzers projiziert werden. Dies zeigte L3Harris zum Beispiel im Zusammenspiel mit einer FLIR Black Hornet Nanodrohne bereits auf der AUSA 2020.

Darüber hinaus ermöglicht es die im System beinhaltete Augmented Reality (AR) und ein Head-up-Display (HUD), das sich das Fadenkreuz der Waffenoptik drahtlos in das Sichtfeld des Soldaten projizieren lässt. Dies ermöglicht es dem Soldaten, um die Ecke zu wirken, ohne sich dabei selbst der Feindwirkung auszusetzen. Dazu muss lediglich die Waffe um die Ecke gehalten werden; das dort in der Zieloptik sichtbare Bild wird in die Nachtsichtbrille übertragen.

Des Weiteren ermöglicht das integrierte HUD die Einblendung weiterer missionskritischer Informationen wie Standortkoordinaten und Navigationskurs, Textübermittlung sowie die räumliche Darstellung eigener Kräfte. Dabei werden die Daten außerhalb des aktiven Sichtfeldes (Field-Of-View – FOV) angezeigt und behindern so nicht die eigentliche Sicht des Soldaten.

Waldemar Geiger und Jan-Phillipp Weisswange