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Die russischen Streitkräfte führen derzeit vor den Augen der Öffentlichkeit den hohen Bereitschaftsgrad und Ausrüstungsstand ihrer Luftlandetruppe vor. Innerhalb kürzester Zeit wurden auf Hilfeersuchen des kasachischen Präsidenten Kassym-Schomart Tokajew nicht nur erste leichte Kräfte nach Kasachstan geflogen, sondern auch die Mobilisierung vollständig mechanisierter Luftlandeverbände abgeschlossen. Nach Angaben des russischen Verteidigungsministeriums wurden etwa 2.500 Soldaten in die jeweiligen Aufmarschpunkte (Flugplätze) verlegt, um in Kürze samt der kompletten technischen Standardausrüstung nach Kasachstan geflogen zu werden. Die Luftlandeeinheiten sind Bestandteil der Truppen – die russische Regierung spricht hier von Friedenstruppen –, die im Rahmen des von Russland angeführten Militärbündnisses Organisation des Vertrags über kollektive Sicherheit (OVKS) zur Beruhigung der aktuellen Lage in Kasachstan beitragen sollen.

Die russischen Streitkräfte gelten, was die Luftlandetruppen angeht, als weltweit führend. Dies bestätigte unter anderem Generalmajor Andreas Hannemann, Kommandeur der Division Schnelle Kräfte (DSK) und damit oberster Luftlandesoldat des deutschen Heeres, im Rahmen des Herbstsymposiums 2021 vom Förderkreis Deutsches Heer e.V. Seiner Einschätzung nach gehören die russischen Luftlandetruppen „Wosduschno-dessantnyje woiska“ (WDW) zu den Taktgebern der „Luftlanderei“. Nach Aussagen des Generals sind die russischen Luftlandekräfte, den deutschen Fallschirmjägern in quantitativer Sicht massiv überlegen. Dies gilt für Personalstärke, Panzer und dafür notwendige Verbringungsmittel wie Hubschrauber und Flugzeuge. Die russischen Verbände sind personell ausschließlich mit Vertragssoldaten, einem Pendant des deutschen Zeitsoldaten, aufgefüllt und üben ständig Operationen im Großverbandsrahmen in der Tiefe des Raums. Dabei wird nach russischer Einsatzdoktrin im Anschluss an eine erfolgte Luftlandung im Luftlandekopf ein mechanisierter Stoß durchgeführt.

Kaltstartfähigkeit

Der nun demonstrierte Bereitschaftsgrad der russischen Truppe und die damit verbundene Projektionsfähigkeit mechanisierter Truppenkörper beeindruckt aus mehreren Gründen. So ist der Jahresbeginn traditionell ein Urlaubszeitraum in Russland. In die erste Januarwoche fallen mit dem Neujahrsfest und dem orthodoxen Weihnachtsfest am 7. Januar zwei wichtige Feiertage. Daneben sind die russischen Truppen neben dem Engagement in den Auslandsmissionen (Syrien und Mali) auch in großer Zahl beim jüngsten Truppenaufmarsch an der Grenze zur Ukraine gebunden.

Auch die Fähigkeit, praktisch eine mechanisierte Brigade aus dem Stand im strategischen Lufttransport zu verlegen, demonstriert die Leistungsfähigkeit. Insbesondere, wenn man den deutschen Anteil an der internationalen Evakuierungsmission in Kabul als Vergleich heranzieht. Dort standen in den ersten Tagen nur drei A400M als Lufttransportmittel zur Verfügung. Und in dem gesamten Zeitraum der Operation wurden gerade einmal zwei Fallschirmjägerkompanien (ohne Fahrzeuge) sowie eine Spezialkräftekomponente samt zwei leichter Hubschrauber in den Einsatzraum verbraucht und von dort wieder ausgeflogen. Wenn man sich dagegen alleine den russischen Aufmarsch des 331. Luftlanderegiments samt der über 40 Luftlandeschützenpanzer vom Typ BMD-2 und BTR-D sowie einer ähnlichen Anzahl an Transportfahrzeugen ansieht, wird deutlich, wie General Hannemann zu seiner Einschätzung kommt. Es ist weiterhin zu beachten, dass das 331. Luftlanderegiment nur einer von mehreren Verbänden ist, welcher nun innerhalb kürzester Zeit in den Aufmarschraum verlegt wird.

Damit die Truppe diesen Bereitschaftsgrad aufrechterhalten kann, wird diese ständig beübt. Nach Angaben des russischen Verteidigungsministeriums hat die russische Luftlandetruppe 2021 ganze 187.000 Fallschirmsprünge durchgeführt sowie 328 Gefechtsfahrzeuge abgesetzt. Alleine während der Übung „Zapad-2021“ (Westen 2021) wurden mehr als 1.800 Fallschirmjäger samt 124 Gefechtsfahrzeugen in sechs unterschiedlichen Luftlandeköpfen bei Tag und Nacht abgesetzt.

Die WDW

Die Wosduschno-dessantnyje woiska haben eine weit zurückreichende Tradition bis in die Zeit der 1930er Jahre. Die Luftlandetruppen haben seit 1941 an allen bewaffneten Konflikten teilgenommen, an den die Sowjetunion und Russland involviert waren. Nach Ansicht der russischen Militärführung wird den WDW auch in Zukunft eine entscheidende Rolle beigemessen. Demensprechend wird die Modernisierung dieser Truppe priorisiert. Nahezu die komplette Ausstattung wird seitens des russischen Verteidigungsministeriums als „modern“ angegeben. Dieser Terminus ist zwar nicht definiert, gemeint ist aber offensichtlich, dass die Truppen über eine post-sowjetische Ausrüstung verfügen.

Innerhalb der russischen Streitkräfte bilden die WDW eine eigene, direkt dem Oberkommando der russischen Streitkräfte unterstellte Teilstreitkraft. Die derzeitige Führung obliegt Generaloberst Andrei Serdyukow. Die WDW umfassen sowohl Luftlande- als auch Luftsturmverbände, wodurch diese Teilstreitkraft zu einem äußerst flexiblen Instrument der russischen Streitkräfte gehört. Sie bilden den Kern der russischen Krisenreaktionstruppen. Die Truppenstärke beträgt rund 45.000 Soldaten. Damit verfügen die russischen Luftlandetruppen über eine bewaffnete Truppenstärke, die ungefähr mit dem kompletten deutschen Heer vergleichbar ist. Denn das Heer hat zwar einen Personalkörper von rund 65.000 Soldaten, ist aber deutlich kopflastiger organisiert.

Die Struktur der WDW wird laufend angepasst – derzeit werden WDW-Verbände beispielsweise umorganisiert, um Luftlandeverbände auf der Krim aufzustellen. Die Anzahl der einzelnen Verbände in den WDW-Divisionen und -Brigaden der WDW variiert daher. Auch die Ausrüstung ist nicht einheitlich. Die WDW verfügen über zwei Luftlande- und zwei Luftsturmdivisionen sowie vier selbstständige Luftsturmbrigaden und eine Spezialkräftebrigade.

Die Divisionen verfügen jeweils über zwei Regimenter (teilweise mechanisiert), ein Artillerieregiment, ein Flugabwehrregiment, ein Aufklärungsbataillon, ein Transporthubschrauberbataillon und ein Pionierbataillon sowie weitere Verbände zur Führungs- und Logistikunterstützung.

Die Luftsturmbrigaden verfügen über zwei bis drei Bataillone Luftlandeinfanterie, ein Artilleriebataillon, jeweils eine Kompanie Aufklärungs-, Flugabwehr-, Pionier-, Panzerabwehr-, Führungsunterstützung–, Instandsetzungs-, Sanitätskräfte und einen Transportzug. Die Brigaden sind so aufgestellt, dass Sie im Bedarfsfall auf Divisionsgröße aufwachsen können.

Waldemar Geiger