StartStreitkräfteLeoparden für die Ukraine – Sargnagel für das deutsche Heer?

Leoparden für die Ukraine – Sargnagel für das deutsche Heer?

Waldemar Geiger

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Ein erheblicher Beitrag zur Verteidigungsbereitschaft der ukrainischen Streitkräfte könnte gleichzeitig zum Bumerang für die deutschen Landstreitkräfte werden, wenn nicht unverzüglich gehandelt wird. Der lange hinausgezögerte Entschluss, die Ukraine mit westlichen Kampfpanzern – an vorderster Front deutsche Leopard 2 – zu unterstützen, wird sowohl von großen Teilen der Politik als auch der Medien begrüßt. Von Vertretern der Truppe wird dieser Entschluss weiterhin kritisch gesehen, da er erheblichen Einfluss auf die Einsatzbereitschaft der Bundeswehr hat. Sowohl der Inspekteur des Heeres, Generalleutnant Alfons Mais, als auch der Vorsitzende des Bundesverbandes, Oberst André Wüstner, haben sich diesbezüglich in den letzten beiden Tagen kritisch geäußert.

Auch wenn großes Verständnis dafür vorhanden ist, dass die Ukraine dringend Kampfpanzer für ihre Verteidigungs- und Rückeroberungsbemühungen benötigt, müssen die in Verantwortung stehenden Soldaten die Auswirkungen auf das Heer berücksichtigen.

Dem Heeresinspekteur zufolge wird in der öffentlichen Diskussion massiv unterschätzt, welcher logistische Kraftakt notwendig sein wird, um auch nur eine einzige Panzerkompanie in den Kampf zu bringen. Denn jeder Panzer muss mit einem großzügigen Munitions- und Ersatzteilpaket ausgestattet werden, wenn dieser länger als nur einen Tag im Gefecht genutzt werden soll.

Und genau dieses logistische Paket ist der entscheidende Faktor für die Einsatzbereitschaft der übrigen Leopard-Flotte in der Bundeswehr, welche Stichwort „Panzerdelle“ aktuell eh stark geschwächt ist. Denn der bis 2024 geplante Aufwuchs der deutschen Kampfpanzerflotte von 225 auf 320 Kampfpanzer beruht auf zwei Säulen: Zum einen kommen Stück für Stück neue Leopard 2 A7V in die Truppe, zum anderen wird die bestehende Leopard-Flotte sukzessive modernisiert. Dafür wird diese peu à peu der Truppe weggenommen und zur Modernisierung in die Industrie geschickt. Parallel tragen die üblichen instandsetzungsbedingten Abwesenheiten der Leoparden zu einem unbefriedigenden Klarstand der Panzerflotte bei. Nach öffentlicher Aussage von Wüstner haben vier der sechs deutschen Panzerbataillone weniger als zehn von 44 Kampfpanzern einsatzbereit. Nun soll neben den in den prioritär in NATO-Aufträgen sowie der Führerausbildung gebundenen Leos auch eine Panzerkompanie im Ukrainekrieg versorgt werden.

Zudem kann sicherlich erwartet werden, dass auch ein Teil der Versorgung weiterer Leopard-2-Panzer, welche durch andere Leo-Nutzerstaaten (beispielsweise die Niederlande, die selbst nur von Deutschland geleaste Leopard 2 betreibt) an die Ukraine gegeben werden, durch Deutschland mitversorgt werden müssen. Denn neben dem deutschen Heer stehen auch viele andere europäische Nationen im Bereich der Panzerei „blank“ dar.

Welche Konsequenzen dies für die deutsche Panzertruppe haben wird, können die deutschen Artilleristen aus erster Hand berichten. Medienberichten zufolge hat die Entsendung von 14 deutschen Panzerhaubitzen den Klarstand der übrigen Haubitzen im Heer auf 1/3 der Gesamtflotte gedrückt. Auch im Bereich der Munition für die Ausbildung der Truppe mussten 2022 offenbar die Hosengürtel enger geschnallt werden. Ähnliche, wenn nicht sogar heftigere Konsequenzen sind auch bei den Kampfpanzern zu erwarten, da diese im Gegensatz zu den Haubitzen an vorderster Front kämpfen müssen und daher neben verschleißbedingten Ausfällen auch Ausfälle durch Minen, Feindbeschuss etc. zu erwarten sind.

Zum Unmut der Panzerabgabe in der Truppe trägt zudem bei, dass die Bundeswehr bis dato jedes Mal von der Politik im Stich gelassen wurde, wenn es darum geht, abgegebenes Material schnell wieder nachzuschaffen, um die Auswirkungen der Waffenabgabe auf die Verteidigungsfähigkeit der Bundeswehr so gering wie möglich zu halten. Nach heutigem Stand wurde keine einzige Artilleriegranate oder Panzerhaubitze nachbestellt, auch wenn daran seit längerem gearbeitet wird. Da die aktuell verfügbaren Produktionskapazitäten der Industrie größtenteils auf Jahre ausgebucht sind, wird die Truppe noch über Jahre hinweg mit einem verschärfteren Mangelzustand leben müssen. Einen Automatismus, dass das deutsche Parlament der Truppe Geld zur Nachbeschaffung abgegebenen Materials zur Verfügung stellt, gibt es nicht. Bestellungen bei der Industrie können aber erst dann verhandelt werden, wenn die zu bestellenden Waffen eine Finanzierungszusage habe. Die Truppe ist somit zurecht frustriert darüber, dass ein großer Teil der Parlamentarier täglich für neue Unterstützungsleistungen an die Ukraine plädiert, aber sich mit der Beschaffung dringend benötigter Haushaltsmittel für die Bundeswehr Zeit lässt und lediglich auf das eingerichtete 100-Milliarden-Sondervermögen verweist. Dies enthält jedoch keinen einzigen Euro für die Nachbeschaffung von abgegebenem Material oder Beschaffung von zusätzlichen Ersatzteilen oder Munition. Überdies hat die reale Kaufkraft des Sondervermögens nach wenigen Monaten massiv abgenommen und wird noch weiter abnehmen, weil Inflation und Zinslasten – welche gut informierten Kreisen zufolge derzeit massiv nach oben korrigiert werden – die Summe „auffressen“, noch bevor ein einzelner Euro des Sondervermögens ausgegeben wurde.

Nach Corona-bedingter „Übungsunterbrechung“ der Truppe, folgen nun also weitere Einschränkungen für die Truppe, die die Qualität der Bundeswehr auf Jahre beeinflussen werden. Es bleibt daher zu hoffen, dass mit der Entscheidung Leopard-Panzer an die Ukraine zu liefern, auch endlich die Entscheidung getroffen wird, das reguläre Verteidigungsbudget schnell, signifikant und vor allem langfristig zu erhöhen. Auch die Nachbeschaffung abgegebener Systeme muss deutlich erleichtert werden. Anders können die bereits vor dem Kriegsausbruch bestehenden und seitdem noch weiter angewachsenen Lücken im Heer nicht geschlossen werden. Deren zügige Schließung aber Grundvoraussetzung für die Einsatzbereitschaft der Truppe – die sich wesentlich aus der Verfügbarkeit von Material und dem Ausbildungsstand der Soldaten zusammensetzt – ist. Erfolgt dies nicht, war es das auch für die Fähigkeit des Heeres, welches die Hauptlast der Abgaben trägt, zur substanziellen Landes- und Bündnisverteidigung. Dann wird die Abgabe der Leos zwangsläufig ein Sargnagel für das deutsche Heer. Denn ohne schlagkräftige und gutausgebildete Panzertruppe, gibt es kein Gefecht der verbundenen Waffen und somit auch keine Kriegstauglichkeit der Landstreitkräfte.

Waldemar Geiger