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VIDEO: Infanterieschule testet neues Stellungssystem

Andre Forkert

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Der russische Angriffskrieg auf die Ukraine zeigt, dass der Kampf aus, in und um den Schützengraben keineswegs der Vergangenheit angehört. Denn mit dem Angriff ist der Stellungskrieg auf beiden Seiten zurück. Dieser Erkenntnis folgend, stellte auf dem Industry Day 2023 des NATO Military Engineering Centre of Excellence, die Firma ROMOLD, der in der Bundeswehr anerkannte Spezialist von Kabelschächten aus Plastik, ein neues Stellungssystem aus Kunststoff vor. Dieses soll vor allem in den Punkten Baugeschwindigkeit und leichter Handhabung punkten. ROMOLD ist sowohl bei der NATO zertifiziert (NC3A BOA 13118) und als Ausrüster für den Feldlagerbau in der Bundeswehr benannt.

Bisher sind Stellungssysteme vor allem aus Holz und Sandsäcken gebaut. Sigurd Schönherr, Projektleiter bei Romold stellt heraus: „Für ein Kampfgrabensystem aus Holz sind durch die Pioniertruppe Vorbereitungen wie das Fällen und Ablängen von Bäumen, sowie Konfigurieren z.B. mit einem mobilen Sägewerk zu tätigen. Anschließend ist das Holz aus taktischen Gründen von Verfügungsraum A nach Einsatzraum B zu transportieren. Dort beginnt die Infanterie unter Anleitung und mit Unterstützung der Pioniere mit dem Bau des Stellungssystems. Unter großem Werkzeugeinsatz und den Spezialkenntnissen der Pioniere wird innerhalb 40 Stunden ein 40 m Kampfgraben fertiggestellt. Sind im Laufe des Einsatzes Gräben von Gruppen oder Zügen miteinander zu verbinden, ist eine erneute Anforderung der Pioniere nötig.“

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Aufbau des Prototyps in Lehnin. Hier die Verfüllung nach Fertigstellung des Abschnittes. (Foto: ROMOLD)

Das ROMOLD-Kunststoffsystem wird „just in time“ fertig konfiguriert und zum Beispiel in einem Container in Einsatzraum angeliefert. Die Infanterie kann ohne Unterstützung der Pioniere das 40 m-Stellungssystem (inkl. vier Kampfständen) werkzeuglos innerhalb ca. 10 bis 15 Stunden fertigstellen. Erweiterungen des Kampfgrabens können ohne Unterstützung der Pioniere in einem Viertel der Zeit von der Infanterie selbst vorgenommen werden. Allerdings beziehen sich alle Angaben nur auf das System, die Erdarbeiten sind natürlich weiterhin durch die Infanterie oder Pioniere umzusetzen. Oft wird dabei auch Maschinen (Erdarbeitsgeräte) zurückgegriffen.

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Aufbau des Prototyps in Lehnin. Blick in das System, noch ohne Überdachung. (Foto: ROMOLD)

Zusammenfassend kann festgehalten werden, dass durch das Kunststoffsystem die Pioniere entlastet werden und für andere Aufträge schneller wieder zur Verfügung stehen. Die Infanterie kann eigenständiger und flexibler ihren Stellungsbau umsetzen. Insgesamt gewinnt die Truppe im Einsatz Zeit, schont ihre Ressourcen und erhöht ihre Flexibilität.

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Ergänzend bringt das werkzeuglose Klick & Steckystem – analog dem LEGO-Prinzip – weitere Vorteile mit sich, gerade weil es durch Soldaten ohne bauliche Vorkenntnisse umgesetzt werden kann. ROMOLD weist auch darauf hin, dass durch Zugabe von Additiven Kunststoff eine geringere Brandlast als Holz hat. Das Kunststoffsystem ist zudem ein- und ausbaubar und damit wiederverwendbar. Auch hat es ein geringeres Gewicht als Holz.

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Blick in den überdachten Laufgraben. (Foto: ROMOLD)

Das System

Ein erster Prototyp wurde im Mai 2023 auf dem Truppenübungsplatz Lehnin für und im Auftrag der der Infanterieschule in Hammelburg installiert. Eine Infanteriegruppe baute ein ca. 35 m langes Grabensystem mit vier Kampfstellungen und Unterständen. Das System ist seitdem fast täglich im Einsatz bei den Ausbildungs- und Übungseinheiten und wird auch bei der Ausbildung ukrainischer Einheiten genutzt.

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Das System umfasst auch offene oder überdachte Kampfunterstände. (Foto: ROMOLD)

Der Prototyp in Lehnin wurde noch auf Europaletten in den Wald angeliefert. ROMOLD hält aber auch den Einsatz von Containern für möglich und sinnvoll. Ein Container würde sowohl Transport- als auch Lagermittel sein und so das System bei Nichtgebrauch schützen. Der Container würde das gesamte Material mit den vier Bauteilgruppen Trägerrahmen, Wandprofil, Dachprofil und Bodengitter beinhalten.

Was dem Prototyp zudem noch fehlt, ist ein Gruppenunterstand, Zug- oder Kompaniegefechtsstand. Laut ROMOLD lassen sich entsprechende Fähigkeitsforderungen aber schnell und einfach umsetzen und in das System integrieren. Auch hierfür könnte der Container dienen. Die Containergröße ist abhängig von den geforderten Laufmetern des Grabensystems. Für einen 40 m Graben wird ein 15 bis 20 m3-Container benötigt, so schätzt ROMOLD.

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Technische 3D Zeichnung des modifizierten Systems. Zu sehen sind die Teleskoprahmen und sowie das Klick & Steck-Prinzip mit den Wandpaneelen. (Zeichnung: ROMOLD)

Der Prototyp-Graben in Lehnin hat ein Bausatzgewicht von 88 kg pro Laufmeter, so ROMOLD. Der auf dem Industry Day vorgestellte verstärkte neue Schnellbausatz kommt auf ein Gewicht von 105 bis 120 kg. Im Vergleich dazu wiegt ein Bausatz aus Holz – gemäß Bundeswehrvorschrift ZDv 3/760 Anlage 4 und 7 – 141 kg pro Laufmeter.

Der Schützengraben in Lehnin hat eine Breite von 80 cm und ist nach Vorgaben der Infanterieschule Hammelburg zu ca. 80 % überdacht. Der neu konzipierte Bausatz soll eher dem aktuellen Entwicklungsstand entsprechen und hat eine Grabenbreite von 90 cm, bei ebenfalls 80%-tiger Überdachung. Zudem hat er durch den neuen Teleskoprahmen, die geänderten Wand- und Dachprofile eine mehrfach höhere Stabilität als der Prototyp. Dadurch ergibt sich auch das höhere Gewicht pro Laufmeter.

Der Prototyp in Lehnin wurde durch eine Infanterie-Gruppe des Wachbataillons ohne Vorkenntnisse in ca. 15 Std verbaut. Laut ROMOLD bezifferten die anwesenden Vertreter des Pionierbataillon 905 aus Ingolstadt den Bedarf für ein vergleichbares Stellungssystem aus Holz auf 40 Stunden – nur zu errichten durch Pioniere mit Spezialkenntnissen. Für den Einbau des modifizierten Bausatzes aus Kunststoff wird nach Schätzung des Herstellers nur noch eine Zeit von ca. 10 Std durch eine Infanterie-Gruppe benötigt.

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Technische 3D Zeichnung des modifizierten Systems. Hier das fertige Gesamtsystem mit teilweiser Überdachung. (Zeichnung: ROMOLD)

Bundeswehr testet

Dabei lassen sich die Kunststoffprofile, im Hinblick auf bohren, sägen oder nageln wie Holz bearbeiten. Dank dem Klick & Steck-Prinzip ist das aber eigentlich gar nicht notwendig. Die Dachprofile des modifizierten Systems werden auf die Seitenwände aufgeklickt und erhöhen hierdurch die Stabilität des Systems. Die Tragkraft der Dachprofile erlaubt je nach Ausführung eine Überdeckung mit Erde und Gestein von 50 bis 100 cm.

In die Erde eingebrachte Polypropylen-Kunststoffbauteile verrotten nicht, so der Hersteller. ROMOLD gibt für all seine Kunststoffschächte eine Lebensdauer von 50 bis 100 Jahre an. Das System besteht aber nicht zu 100% aus dem Polypropylen-Kunststoff. Denn alle Trägerrahmen werden aus Stahl gefertigt und bilden die statische Basis des Grabensystems. Laut Hersteller ist eine Fertigung aus erheblich leichteren glasfaserverstärktem Kunststoff (GFK) als Pultrusionsrohr auch möglich, aber noch in der Prüfung. Standardmäßig sind diese Rahmen auf eine Grabenbreite von 90 cm Innenmaß ausgelegt und bestehen aus zwei vertikal angeordneten Rohren, auf welchen die Wandprofile einfach aufgeklickt werden. Geplant ist eine Nutzlänge von 90 cm als Standardwandprofil und Längen von ca. 50 cm und 30 cm für Längenausgleich und Grabenverbreiterungen. Die Höhe der Wandprofile beträgt 20 cm. Die Wandprofile werden von außen horizontal auf den Trägerrahmen geclipst, wobei an jedem Trägerrahmen flexibel und stufenlos der Winkel zum folgenden gewählt werden kann.

In die vertikalen Rohre werden von oben und unten jeweils ein Teleskoprahmen aus Vierkantrohren gesteckt. Damit wird die Grabenbreite definiert und die vertikalen Rohre zusätzlich gegen den Erddruck versteift. Die variierbare Einschubtiefe des Teleskoprahmen ermöglicht die Höhenanpassung im Graben.

Zur Rutschsicherung und trockenem Stand können mitgelieferte Bodengitter eingelegt werden.

Der Kunststoff ist recyclefähig. Beschädigte oder nicht mehr benötigte Bauteile aus Polypropylen können an den Hersteller zurück geliefert werden. Hier wird das Material gereinigt, zu Granulat verarbeitet und der Wiederverwendung zugeführt.

Aktuell ist das System bei der Bundeswehr noch im Test, parallel erfolgt die Weiterentwicklung. Auf dem Industry Day haben aber direkt die Vertreter der britischen Streitkräfte Interesse bekundet. Das britische Heer hat eine Projektgruppe aufgestellt, die sich mit der Einführung eines neuen Kampfgrabensystems beschäftigt. Auch hier sind die Erkenntnisse aus der Ukraine die Grundlage. ROMOLD wurde zur Mitarbeit eingeladen. Ebenfalls zeigte das Bundesheer aus Österreich Interesse und hat bereits Unterlagen zur Prüfung erhalten.

Andre Forkert