StartStreitkräfteKanada erhöht Verteidigungsausgaben mit Blick auf Europa

Kanada erhöht Verteidigungsausgaben mit Blick auf Europa

Kanada wird in den nächsten zehn Monaten neun Milliarden kanadische Dollar (etwa 5,8 Milliarden Euro) zusätzlich für Verteidigung ausgeben und damit bis 2026 das gegenwärtige NATO-Ziel von zwei Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP) erreichen. Die Gesamtausgaben werden im kommenden Jahr insgesamt 62,7 Milliarden kanadische Dollar (rund 40 Milliarden Euro) betragen. Das teilte der neue Premierminister Mark Carney am Montag dieser Woche mit.

Von den zusätzlichen Ausgaben sollen 4,1 Milliarden Dollar (2,6 Milliarden Euro) in die Stärkung der heimischen Verteidigungswirtschaft und eine Umorientierung der Beschaffung weg von den USA fließen. Künftig sollten nicht mehr drei Viertel der Ausgaben für größere Projekte in das Nachbarland gehen, sagte Carney. Stattdessen wird erwartet, dass Kanada sich an der EU-Initiative „ReArm Europe“ beteiligt, für die Carney Interesse gezeigt hat. Ende Mai erklärte der Premierminister, dass er auf eine Unterschrift bis zum 1. Juli hoffe.

„Bisherigen Beziehungen zu den USA sind beendet“

Hintergrund ist die Verschlechterung der Beziehungen zu den USA unter Präsident Donald Trump, der Kanada im Rahmen seiner Handelskriegführung mit Zusatzzöllen überzogen und das Nachbarland wiederholt als 51. Bundesstaat der USA bezeichnet hat. Carney verdankt seine Wahl nicht zuletzt einer dadurch ausgelösten Welle von kanadischem Patriotismus, nachdem die oppositionelle Konservative Partei unter seinem zunehmend unbeliebten Vorgänger und Parteifreund Justin Trudeau lange Zeit eine komfortable Führung in Meinungsumfragen hatte.

Nach seiner Wahl hatte Carney die bisherige Beziehung der beiden Länder, beruhend auf zunehmender wirtschaftlicher Integration und enger Kooperation im Sicherheits- und Verteidigungsbereich, als beendet erklärt. Zu den ersten konkreten Maßnahmen gehörte eine Überprüfung des Kaufs von 88 Kampfflugzeugen Lockheed Martin F-35 für 19 Milliarden kanadische Dollar (etwa 12,2 Milliarden Euro).

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Kanada sucht nach Alternativen für F-35

Carney hat erklärt, dass sich Kanada bislang vertraglich nur zur Abnahme von 16 Maschinen verpflichtet habe, und man mit britischen sowie französischen Regierungsvertretern im Gespräch zu möglichen Alternativen sei, die möglicherweise im Land gebaut werden könnten. Eine Entscheidung wird für Sommer dieses Jahres erwartet. Daneben hat Kanada Bedarf an weiteren umfangreichen Neubeschaffungen, insbesondere zur Sicherung seiner Ansprüche in der Arktis gegenüber anderen Anliegern.

Gerade Russland verstärkt seit längerem seine militärischen Aktivitäten in der Region mit Blick auf Schifffahrtswege und Rohstoffe, die durch den Klimawandel leichter zugänglich werden. Die Regierung Carney hat unter anderem die Beschaffung zusätzlicher Eisbrecher und neuer U-Boote sowie im Land produzierter Radar-Frühwarnflugzeuge versprochen. Daneben besteht für Kanadas NATO-Verpflichtungen auch ein Bedarf an Selbstfahrhaubitzen und einem neuen bodengebundenen Flugabwehrsystem. Bereits beschafft wurden kürzlich neue schwere Bergefahrzeuge von Rheinmetall.

Zukünftig besser ausbalancierte Partnerschaften

Mehr Geld soll zudem in Cybersicherheit sowie die Besoldung der Streitkräfte fließen. Bislang ist Kanada aufgrund günstiger geografischer Umstände eines der Ausgaben-Schlusslichter in der NATO. 2024 lagen mit 1,37 Prozent des BIP nur Belgien, Luxemburg, Slowenien und Spanien hinter dem Land, für die ähnliches gilt. Als strategisches Vorfeld der USA konnte sich Kanada stets auf den amerikanischen Schutz verlassen, versinnbildlicht im gemeinsamen nordamerikanischen Luftverteidigungskommando NORAD.

Auch in Zukunft gehen kanadische Regierungsvertreter von durch die Geografie diktierten engen gegenseitigen Beziehungen aus. Jedoch solle Kanada diese mit anderen Partnern ausbalancieren, wenn es seinen Interessen dient. Das Ausgabenziel von zwei Prozent des BIP, während in der NATO für die Zukunft bereits 3,5 bis fünf Prozent diskutiert werden, zeugt zudem von einem weiter bestehenden gewissen Sicherheitsgefühl.

Stefan Axel Boes