StartFührung & KommunikationSammler: Drohnen im Ukraine-Krieg – russischer Drohneneinsatz

Sammler: Drohnen im Ukraine-Krieg – russischer Drohneneinsatz

Kristóf Nagy

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Die Bedeutung von Drohnen für militärische Konflikte sowohl in taktischer als auch operativer Hinsicht ist hinlänglich diskutiert und belegt worden. So ist es nicht verwunderlich, dass im Ukraine-Krieg beide Seiten Drohnen unterschiedlichster Art, Leistungsparameter und Rollen zum Einsatz bringen. Die Betrachtung wird insbesondere dann mehrschichtig, wenn man die Nutzung von Unmanned Areal Vehicles (UAV) gleichsam aus der historischen Perspektive betrachtet. Schließlich sind unbemannte Luftfahrzeuge bereits seit 2014 im Ukrainekonflikt präsent und beide Parteien haben seitdem Anstrengungen unternommen, ihre jeweiligen Fähigkeiten in diesem Bereich weiterzuentwickeln.

Der Impuls, den die im Donbass 2014 ausgebrochenen Kämpfe auf die Beschaffung und auch nationale Fertigung von UAVs sowohl in der Ukraine als auch in Russland hatte, ist unbestritten. Im letzteren Fall kam zusätzlich noch die intensive Nutzung von Drohnen in Syrien hinzu. So hob eine unlängst erschienene und öffentlich zugängliche Analyse des britischen Geheimdienstes hervor, dass Russland die in Syrien entwickelte Nutzungsweise von Drohnen für Aufklärung und Feuerleitung unterschiedlicher Wirkmittel im Ukraine-Krieg fortsetzt. Dabei bedienen UAVs plattformunabhängig unterschiedlichste Wirkmittel der Artillerie, aber auch der Luftstreitkräfte. Was wie ein Gemeinplatz klingt, wird dann spannend, wenn man sich eine veröffentlichte Analyse des britischen Ministry of Defence anschaut. Dieser Veröffentlichung zufolge verlieren beide Kriegsparteien viele UAVs, aber die russische Seite kann die Verluste nicht annähernd ersetzen. Grund hierfür sei die Kombination aus eingeschränkten Fertigungskapazitäten gepaart mit den Auswirkungen der Sanktionen bei Schlüsselkomponenten, die nicht mehr beschafft werden können. Schlussendlich würde die Abnutzung der vorhandenen Drohnen mittelfristig zu Einschränkungen bei der Aufklärungs- und Feuerleitfähigkeit der russischen Streitkräfte führen.

Um dieser Abnutzung zu begegnen und zeitnahen Ersatz zu generieren, setzten beide Seite bereits seit 2014 auf kommerzielle Systeme. Diese für den Konsummarkt gefertigten Drohen sind mit ihren optronischen Systemen in der Lage, wenn auch zumeist eingeschränkt, Echtzeitbilder für Aufklärungs- und Feuerleitzwecke zu generieren. Eine robuste Verschlüsselung bzw. Härtung der Datenverbindung ist jedoch nur in seltenen Fällen gelöst. Auch sind die Systeme weniger robust und somit anfälliger für gegnerische Störmaßnahmen durch elektronische Kampfführung und den Anforderungen des militärischen Alltages nur eingeschränkt gewachsen. Daher ist es nicht verwunderlich, dass es zu feldmäßigen Umbauten bzw. Nachrüstungen mit Mitteln der Kleinserienfertigung kommt. Spitze dieser Entwicklung sind die kommerziellen UAVs, die durch Modifikationen zum Führen und Abwurf von Wirkmitteln befähigt wurden. Diese zivilen bzw. aus solchen modifizierten Systemen entstandenen Drohnen sind nicht Gegenstand dieses Sammelbeitrages. Aber auch im Laufe des Konfliktes entstandene Lösungen wie die vom Start-up Aerorozvidka gebaute bewaffnete Multicopterdrohne R-18, über die kaum verlässliche Informationen und technische Daten vorliegen, werden vorerst nicht berücksichtigt. Ziel ist es vielmehr, die militärischen Systeme aufzuführen und ihre Fähigkeiten und Leistungsprofile zu erläutern und darauf basierend einen fundierten Überblick zu schaffen.

Russland

Das russische Programm zur Herstellung von unbemannten Luftfahrzeugen basierte auf Technologien aus Sowjetzeiten. Der radikale Einschnitt in den Verteidigungshaushalt in den 1990er Jahren unterbrach diese technologische Entwicklungslinie jedoch, sodass bereit ab den frühen 2000er Jahren sowohl Komponenten für Eigenentwicklungen als auch vollständige Entwürfe im Ausland erworben werden mussten. Die hieraus entstandenen Herausforderungen sind bis heute sichtbar und maßgeblich für die zunehmenden Schwierigkeiten beim Ersatz des russischen Unmanned Areal Vehicles (UAV) Arsenals durch die einheimische Industrie. Die Hersteller von Drohnen im heutigen Russland haben sich von dieser Übergangszeit konzeptionell, aber nicht technisch lösen können. Sie sind zwar nachweislich in der Lage, eigene Entwürfe zur Serienreife zu entwickeln. Die aktuell verwendeten Typen sind jedoch im Bereich der Sensorik oder Datenverbindungen immer noch maßgeblich auf ausländische Komponenten angewiesen, was die Produktion von UAVs unterschiedlichster Klassen überaus verwundbar in Bezug auf Sanktionen macht. Auch ist das Zusammenwirken zwischen Wirkmitteln wie Jagdbombern der Luftwaffe oder Artillerie in Syrien erprobt und Verfahrensweisen erarbeitet worden. Neben einzelnen UAVs ist das integrierte Steuerungsmodul Nawodtschik-2 maßgeblich für die russische Drohnennutzung. Das auf einem LKW verlastete System wurde bereits 2020 zum ersten Mal im Donbass dokumentiert. Es erlaubt die Steuerung und Datenauswertung von mehreren unterschiedlichen Drohnentypen zur gleichen Zeit. Die Adaption dieser Verfahren gegen einen Feind, der mit mechanisierten Kräften antritt und seine Artillerie geschickt und effektiv nutzt, bzw. Mittel der elektronischen Kampfführung verwendet, ist jedoch nur eingeschränkt erfolgt. Auch ist der Einsatz von Drohnen und Loitering Munition im Verbund gerade in den ersten Wochen des Konfliktes scheinbar vernachlässigt worden. Dennoch leisten UAVs eine wichtige Aufgabe und sind aus der Aufklärung und Feuerleitung auf russischer Seite nicht wegzudenken.

ZALA 421-16E2

Die Zala 421-16E3 ist eine Flächendrohne des russischen Herstellers Zala Aero. Gestartet wird der UAV mittels eines Katapultes. Die Landung erfolgt vollautomatisiert per Fallschirm. Als Sensoren sind im schwenkbaren Bug eine Tagsicht- sowie eine Wärmebildkamera untergebracht. Der sparsame Elektromotor erlaubt Flugzeiten bis zu 4 Stunden.

  • Spannweite: unbekannt
  • Masse: 7,5 kg
  • Reichweite Steuerung / Reichweite autonom: 30-50 km / 260 km
  • Höchstgeschwindigkeit: 110 km/h
  • Marschgeschwindigkeit: 65 km/h
  • Außenlast: keine

Forpost / Forpost-R

Die Forpost Drohne ist eine Lizenzfertigung der IAI Searchers MKII. Der ab 2008 in Folge des Georgienkrieges angestoßene Technologietransfer von Israel nach Russland hat die Fähigkeit zur Produktion von UAVs in Russland grundlegend verbessert. Auf Grundlage des Entwurfes von IAI entstand die bewaffnete Version Forpost-R, die seit 2020 produziert wird und neben einer modularen Aufklärungssensorik die Integration des auf dem 9M133 Kornet basierenden X-BPLA Lenkflugkörpers erfuhr.

  • Spannweite: 8,55 m
  • Masse: 450 kg
  • Reichweite Steuerung / Reichweite autonom: unbekannt / 250 km
  • Höchstgeschwindigkeit: 200 km/h
  • Marschgeschwindigkeit: 110 km/h
  • Außenlast: X-BPLA Lenkflugkörper (Forpost-R)

Orion

Die Orion oder Inokhodets ist eine Kampfdrohne (UCAV) des russischen Herstellers Kronshtadt Gruppe. Dem Jungfernflug im Jahre 2016 folgte bis zur Indienststellung ein umfangreiches Erprobungs- und Optimierungsprogramm mit Einsätzen in Syrien. Neben ungelenkten Bomben kann die Orion auch den X-BPLA Lenkflugkörper aufnehmen und zur Bekämpfung von Kampfpanzern einsetzen. Die produzierte Menge an Orion UCAV ist nicht genau bekannt, wird aber von Analysten im Bereich von knapp 30 Drohnen angesiedelt. Wie viele davon aktuell einsatzfähig sind, ist unklar, da auch mindestens ein Abschuss im Ukrainekrieg dokumentiert ist. In der Ukraine wurde die Orion nachweislich im Luftkampf gegen andere Drohnen eingesetzt.

  • Spannweite: 16,3 m
  • Masse: 1.000 kg
  • Reichweite Steuerung / Reichweite autonom: 250 km / 2.400 km
  • Höchstgeschwindigkeit: 200 km/h
  • Marschgeschwindigkeit: 120 km/h
  • Außenlast: Bis zu 200kg Bomben und Lenkflugkörper an vier Waffenstationen

Orlan Drohnenfamilie

Die Flächendrohnen der Orlan Familie sind die Arbeitspferde der russischen Streitkräfte bei leichten Mittelstrecken-UAV. Von dem in St. Petersburg ansässigen Unternehmen STC entwickelt, ist sie organischer Bestandteil des neuesten russischen Führungs- und Aufklärungssystems EUU TK und befindet sich in der Basisversion Orlan-10 seit 2011 im Dienst. Ein System besteht aus zwei Luftfahrzeugen und einer tragbaren Bodenstation. Als primäre Aufgabe ist die Orlan-Drohne für die Aufklärung vorgesehen und führt neben einer digitalen Tagsichtkamera auch ein Wärmebildgerät mit. Bereits 2020 wurde eine weiterentwickelte Version mit integriertem Laserzielbeleuchter vorgestellt und russischen Medienberichten zufolge auch eingeführt. Auf der anderen Seite stellte der Hersteller die auf elektronische Kampfführung optimierte Version Orlan-30 bereits 2015 vor. Die tatsächliche Terminologie und das Auseinanderhalten der einzelnen Subtypen ist mittlerweile auch durch feldmäßige Umbauten deutlich erschwert. So zeigten die russischen Streitkräfte auf ihren Social-Media-Kanälen unlängst Orlan-10 Drohnen, die mit einer Waffenlast in den Einsatz starteten. Wie die Feuerleitung dieser offenkundig frei fallenden Waffen gelöst ist, kann nicht gesichert nachvollzogen werden. Westliche Analysten gehen aktuell davon aus, dass die Orlan-Familie knapp ein Dutzend unterschiedliche Versionen beinhaltet.

Durch die relativ hohe Anzahl an abgestürzten Drohnen können aus öffentlich zugänglichen Quellen zahlreiche Schlüsse gezogen werden. Neben der Nutzung von mit additiver Fertigungstechnik erzeugter oder aus anderen Industriezweigen übernommenen, handelsüblichen Teilen besteht die Orlan-Drohnenfamilie zu einem großen Teil aus importierten Komponenten. Neben der Sensorik stammen unter anderem Schlüsselkomponenten wie die Flugsteuerung, der Sender für die Telemetrie, der Antrieb und das GPS-Modul aus Japan, den USA oder Deutschland und sind daher direkt von Sanktionen betroffen. Dies kann großen Einfluss auf die Regeneration des durch Verluste dezimierten Bestandes haben. Der Umstand, dass in der Ukraine bereits zum russischen Zivilschutz gehörende Orlan-10 agebschossen wurden, könnte der erste Vorbote dieser Entwicklung sein.

  • Spannweite: 3,1 m
  • Masse: 14 kg
  • Reichweite Steuerung / Reichweite autonom: 120 km / 600 km
  • Höchstgeschwindigkeit: 245 km/h
  • Marschgeschwindigkeit: 150 km/h
  • Außenlast: vier leichte Spreng-Splitter Körper bei einer modifizierten Version

Horizon Air S-100

Die Horizon Air S-100 ist eine Lizenzfertigung der Schiebel S-100 Copterdrohne. In Bezug auf Auslegung und Leistung scheint sie mit der Schiebel-Drohne identisch. Diese verfügt jedoch über die Möglichkeit, an zwei Hardpoints Außenlasten mitzuführen. Diese sind im russischen Dienst nicht dokumentiert worden. Die S-100 wird hauptsächlich zur Überwachung verwendet. Hauptnutzer sind die russischen Grenztruppen.

  • Spannweite: 1,24 m
  • Masse: 200 kg
  • Reichweite Steuerung / Reichweite autonom: unbekannt / 200 km
  • Höchstgeschwindigkeit: 220 km/h
  • Marschgeschwindigkeit: 190 km/h
  • Außenlast: vermutlich keine

KBLA-IVT

Die vom russischen Hersteller TsNTU Dinamika entwickelte Copterdrohne ist seit Ende 2020 im Bestand der Streitkräfte. Es sind seitdem kaum technische Daten nach außen gedrungen. In einer Pressemitteilung hat der russische Staatskonzern Rostec jedoch bekannt gegeben, dass es sich nicht nur um eine einfache Zieldrohne handelt. Die KBLA-IVT soll bei der Entwicklung zukünftiger Flugabwehrsysteme helfen und auch Rückschlüsse über die Präzision des Systems zulassen. Inwieweit an Bord verbaute Sensorik auch für die Aufklärung von Abwehrsystemen verwendet werden kann, ist nicht bekannt.

  • Spannweite: unbekannt
  • Masse: 300 kg
  • Reichweite Steuerung / Reichweite autonom: unbekannt
  • Höchstgeschwindigkeit: unbekannt
  • Marschgeschwindigkeit: unbekannt
  • Außenlast: vermutlich keine

ZALA 421-08 / Granat-1

Die ZALA 421-08 und Granat-1 Nurflügeldrohnen sind baugleiche Systeme, die von dem russischen Hersteller Zala Aero entwickelt wurden. Der UAV wurde bereits 2017 im Donbass dokumentiert. Das gesamte System, bestehend aus zwei Luftfahrzeugen, einer Bodenstation und Ersatzakkus, wiegt im Verbund gerade einmal 9 kg und kann in einem Rucksack untergebracht werden. Die Sensorik besteht aus einer recht einfachen digitalen Fotokamera, einer Tagsichtvideo- sowie einer Infrarotkamera. Gestartet wird der UAV nach kurzer Vorbereitung aus der Hand.

  • Spannweite: 0,8 m
  • Masse: 1,7 kg
  • Reichweite Steuerung / Reichweite autonom: 15 km / 90 km
  • Höchstgeschwindigkeit: 150 km/h
  • Marschgeschwindigkeit: 65 km/h
  • Außenlast: keine

Granat-2

Über die Granat-2-Drohne ist nur wenig bekannt. Angetrieben von einem Elektromotor mit einer Luftschraube im Bug ist das Luftfahrzeug mit seinem dünnen Flügelprofil offenkundig auf lange Flugzeiten optimiert. Die Sensorik wird in etwa der Granat-1 entsprechen. Genauso erfolgt der Start der Granat-2 aus der Hand des Bedieners.

  • Spannweite: unbekannt
  • Masse: 4 kg
  • Reichweite Steuerung / Reichweite autonom: 15 km / unbekannt
  • Höchstgeschwindigkeit: unbekannt
  • Marschgeschwindigkeit: unbekannt
  • Außenlast: keine
  • Der Granat-2 Schulterdecker ist auf

Granat- 3 und 4

Die Drohnen der Baureihe Granat-3 und Granat-4 sind nicht zweifelsfrei im Ukrainekrieg nachgewiesen worden. Ihr Einsatz ist jedoch wahrscheinlich und logisch. Die von einem Kraftstoffmotor angetriebenen UAV decken Reichweiten jenseits der leichteren und mit einem Elektromotor angetriebenen Granat-1 und Granat-2 Drohnen ab und können ebenfalls von der Nawodtschik-2 geführt werden. Neben Aufklärungs- und Zielverfolgungsaufgaben sind die Drohnen auch für die elektronische Kampfführung ausrüstbar.

Eleron-3SV

Die Eleron Nurflügeldrohne wird vom russischen Hersteller JSC ENICS seit 2015 hergestellt. Gestartet wird der UAV mittels eines Katapultes. Die Landung erfolgt vollautomatisiert per Fallschirm. Als Sensoren können neben einer Tagsichtkamera auch ein Infrarot- oder Wärmebildgerät eingebaut werden. Das Flugprofil kann entweder gesteuert, oder auf Grundlage vorher programmierter Wegpunkte GPS basierend autonom und ohne die Emission von elektromagnetischen Strahlungen erfolgen.

  • Spannweite: 0,83 m
  • Masse: 5,5 kg
  • Reichweite Steuerung / Reichweite autonom: 25 km / 130
  • Höchstgeschwindigkeit: km/h
  • Marschgeschwindigkeit: 70 km/h
  • Außenlast: keine

E-95M

Die E-95M Flächendrohne des russischen Herstellers JSC ENICS ist ursprünglich für die Ausbildung der Flugabwehr entwickelt worden. Angetrieben von einem Strahltriebwerk ist sie zu beachtlichen Geschwindigkeiten fähig und kann vorprogrammierte Manöver wie Sturzflug und anschließendes Abfangen, Umkehren oder S-Kurven fliegen, um das Flugprofil eines militärischen Luftfahrzeuges zu simulieren. Da die E-95M nicht mit Sensoren ausgestattet werden kann, ist ihre Aufgabe die Täuschung der ukrainischen Flugabwehr.

  • Spannweite: 2,4 m
  • Masse: 70 kg
  • Reichweite gesteuert/ autonomen: 50 km / 50 km
  • Höchstgeschwindigkeit: 400 km/h
  • Marschgeschwindigkeit: 300 km/h
  • Außenlast: keine

Kristóf Nagy